Bette Westera & Sylvia Weve:
Überall & Nirgends

Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf
München: Susanna Rieder 2016

www.riederbuch.de

ISBN 978-3-946100-09-6
112 S * 25,00 € * ab 10 J

 

 

 

 

Wie das Thema »Leben, Tod« lässt uns auch dies Buch nicht wieder los: Lyrik, eindringliche Illustration, liebevoll und aufwendig produziert, viele Aspekte, ernsthaft (ohne den Schalk zu vergessen) – so muss ein ewiges Thema behandelt sein!

Leben-Sterben-Tod-Leben-Erinnern

Ein Specht pickt am Seil, an dem ein Elefant hängt, ein Mensch schwebt am Regenschirm auf die Erde, ein Mann mit Speer bewegt sich auf einem fliegenden Fesselballon, ein anderer springt in den speienden Vulkankrater, ein Kind sitzt auf der Wippe über dem Haifischteich. Das sind Details aus der Illustration zum ersten Teilaspekt: Was wäre, wenn du niemals sterben könntest? Wohlgemerkt ‚könntest‘, nicht „würdest“. Damit wird der Kosmos aufgetan von Bestimmung und Beschließung bis zu Weitermachen und Ewigkeit.
46 Aspekte findet die Niederländerin Sylvia Weve rund um das Thema Sterben und Tod, fokussiert auf ‚Nie mehr ...‘ und ‚Noch nicht ...‘ und ‚Du fehlst mir‘, auf Haustiere, Selbstmord, Hospiz, Vermissen, Alte, Junge, Totgeburt, Verkehrsunfall, Mumie, Fest der lebenden Toten. Das klingt ziemlich deprimierend? Das ist überhaupt nicht deprimierend! Das ist ernsthaft, nachdenklich, manchmal sogar witzig. Der Zusammenhang zwischen ‚auf dem Weg zum Sport‘ und den ‚häufigen Leichenwagen vor der alten Villa‘ wird aufgeklärt, der Tod des Katers und der Wunsch nach einem neuen Haustier (diesmal: Hund) bringt den Humor in die Ernsthaftigkeit. Tod ist auch nichts Anderes als Leben, irgendwie: »Schlafen ist wie tot sein für eben / und danach wieder weiterleben.« oder: Der Tod ist nur für »eben«, die Zeit dagegen gehört nicht dazu, die »gehört zum Leben.«

Vieles ist gereimt, kurz und treffend – und so wollen wir uns gern ein wenig mit dem Übersetzer beschäftigen. Rolf Erdorf ist Jahrgang 1956, studierte Germanistik, Romanistik und Niederländische Philologie und erhielt u. a. den Deutschen Jugendliteraturpreis für sein bisheriges Übersetzungswerk. Seine Empfindlichkeit bringt den Originaltext, der in den Niederlanden mit dem ‚Goldenen Griffel 2015‘ und dem ‚Woutertje Pieterse Preis 2015‘ ausgezeichnet wurde, ganz wunderbar in den deutschen Sprachbereich.

Das Buch ist mit drei Lesebändchen (gold-rot-blau) ausgestattet und mit vielen verkürzten Seiten, deren Bilder sich mit den ganzen auch nach dem Umblättern vervollständigen, ohne dass sie die eigene Sichtweise verleugnen. Die Mischtechnik der Bilder ist ohne genauere Kenntnis der Illustratorin Sylvia Weve, die bereits mehrfach mit Bette Westera zusammenarbeitete, nur unvollständig nachvollziehbar. Sie knickt Bilder und öffnet sie wieder, übermalt mit schmalem Strich undeutliche Farbkleckse, verneint räumliche Darstellung auf der Fläche, setzt filigrane Muster auf grobe Flächen, Bedrohliches gliedert sie auf oder belässt uns in einer Art Starre wie ihre Bilder selbst.
Kleine Kritik: Wie ein Register wird ein sechsseitiger Kommentar zu einzelnen Aspekten abgedruckt, den das Buch überhaupt nicht benötigt. Wer die Seiten zuvor nicht verstand, der muss den Zusatz erst recht nicht lesen.

Den Titel des Buches gibt übrigens ein Gedicht, das vom Riechen, Schmecken, Hören, Spüren und Sehen handelt – und von dem unausgesprochenen Vermissen: »Überall und nirgends riech ... schmeck ... hör ... spür ... seh ich dich.« So ist es wohl für die Zurückgebliebenen.

Hervorragend gemacht auf allen Ebenen! Und doch bleibt die Frage: Für wen? Es ist kein Bilderbuch, auch wenn die Illustrationen dafür sprechen. Es ist kein philosophisches Buch, auch wenn viele Fragen der Philosophie angesprochen werden. Das Buch kommt als ‚Bilderbuch’ daher, hat aber kein typisches Bilderbuchleseralter von 1 bis 8 Jahren als Zielgruppe. Kinder fühlen sich oft zu alt für Bilderbücher, Jugendliche und Erwachsene greifen ohne besondere Hinweise nicht zu solchen Büchern. DIES IST EIN SOLCHER.

 

 

 

 

 

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en