Shaun Tan:
Singende Knochen

Aus dem Englischen von Martina Tichy
Hamburg: Aladin 2016

www.aladin-verlag.de

ISBN 978-3-8489-2078-5
176 S * 28,00 € * ab 16 J

 

 

 

 

Kleine fotografierte Skulpturen und sehr kurze Ausschnitte aus Märchen der Brüder Grimm ergeben ein fast avantgardistisches Buch. Für Kinder wohl eher nicht geeignet, für kunstbegeisterte Jugendliche sehr und für entsprechende Erwachsene sowieso – ein wenig Akzeptanz für Morbides vorausgesetzt.

Roter Fuchs steht auf menschlichem Schädel

Shaun Tan illustrierte ‚Grimms Märchen‘ von Philip Pullmann, die der Aladin Verlag 2013 veröffentlichte. Nun macht er mit seinen Bildern ein ganz eigenständiges Werk daraus, wobei ‚illustrieren‘ und ‚Bilder‘ falsche Begriffe sind, denn Shaun Tan fotografierte eigene kleine Skulpturen, die er selbst herstellte und zumeist in besondere Umgebung stellte. Viel Licht und Schatten, ungewöhnliche Blickwinkel, unendlicher oder sehr begrenzter Raum.

75 Objekte hat der australische Künstler erstellt und fotografiert. Er zeigt dabei mit sehr kurzen Textausschnitten aus dem oben genannten Buch, was ihm (damals) wichtig war, ihn zu einer Arbeit inspirierte. Diese Ausschnitte sind je auf der linken Seite des ‚Bilderbuchs‘ zu sehen, betitelt, wie es die Brüder Grimm taten.

Nehmen wir ein Beispiel, das so gar nicht zu unseren Märchen zu passen scheint, da wir durch ‚süßliche‘ Verfilmungen arg weggeführt wurden von den Originalen: »31 / Von dem Machandelboom / Mein Mutter, die mich schlacht, / mein Vater, der mich aß, / mein Schwester, der Marlenichen, / sucht all meine Benichen / ... /... wat vör’n schöön Vagel bün ik!«
Shaun Tan hat dazu eine sitzende schwarze Figur geformt, die mit einem Sessel verschmilzt. Das Licht fällt von rechts oben auf das menschliche Objekt, das insofern besonders ist, als es keinen Kopf hat, dafür aber in der Hand auf dem linken Oberschenkel eine merkwürdige rote, fast runde Kugel (die man viel genauer beschreiben müsste und doch nicht einordnen könnte). Die Steigerung dieses Teils mit dem Lichteinfall auf dem gesamten linken Arm ist fast aberwitzig und nur mit dem letzten Vers des Textes andeutungsweise zu erklären. Der Kopf eines Vogels mit weit aufgerissenem Schnabel liegt auf der farblosen Fläche, so als gehörte er zu der menschlichen Figur, doch der Hals ist geschlossen. Der Schlund des Vogelkopfes ist blass hellrot und die scharfen Schatten des abgetrennten Kopfes schaffen eine fast surreale Situation.

 

Ein wunderbares Kunstbuch mit ganz vielen Anleihen bei diversen Künstlern, dennoch sehr eigenständig in der Ausführung. Ein gar nicht gelungenes Buch allerdings für den Kinder- und Jugendbuchbereich und sehr mutig vom Verlag, es dennoch zu publizieren – vom Mut des meisterhaften Illustrators Shaun Tan, sich in ganz anderem Genre zu beweisen, ganz zu schweigen.

 

 

 

 

 

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en