Peter Schössow:
Wo ist Oma? Zu Besuch im Krankenhaus

München: Hanser 2016

www.hanser-literaturverlage.de

ISBN 978-3-446-24952-3
64 S * 17,00 € * ab 03 J

 

 

 

 

In computergenerierten Bildern zeichnet Peter Schössow eine kleine Odyssee von Henry auf der Suche nach seiner Oma, die mit gebrochenem Arm im Krankenhaus liegt. Dabei lernen Kinder ab 3 Jahren ein wenig von der Struktur eines Hospitals, ohne dabei belehrend zu wirken. Typische Schössow-Bilder, also sehr ansehenswert!

Allein unter Menschen

Peter Schössows Figuren haben einen hohen Wiedererkennungswert. Der Gesichtsausdruck seines Henry zeigt, dass der Junge ein bisschen langsam ist, nicht ganz helle, vielleicht eher ‚minderbegabt‘. Seine Augen sind weit oben, fast dort, wo andere Menschen ihre Stirn haben, die Augenbrauen noch höher. Der fast rechteckige Mund ist geöffnet, die Nase sehr breit, die Ohren stehen deutlich ab. Henry ist mit Gülsa, einer der vier Babysitterinnen, die seine Mutter engagiert hat, unterwegs zum Krankenhaus, um Henrys Oma zu besuchen, die sich den Arm brach. Gülsa hat ein neues Handy und wird von Corinna angerufen. Das wird dauern! Henry wartet mit seinem großen Blumenstrauß für Oma erst im Eingangsbereich des Krankenhauses, aber irgendwann wird es ihm zu langweilig. Henry beschließt, schon mal allein zu Oma zu gehen. Da die Frau an der Information niemanden unter dem Namen ‚Oma‘ auf ihrer Liste hat und somit auch keine Zimmernummer weitergeben kann, macht sich Henry allein auf den Weg. So schwierig kann das ja wohl nicht sein. Ist es aber doch.
So erkunden wir mit Henry diverse Stationen des Krankenhauses, ohne dass die Geschichte zu einem Sachbuch wird.

Schössow bedient virtuos das Zeichenprogramm seines Computers, setzt Faltenlinien, färbt glatt oder verlaufend, fügt Muster in die Jacke, entwirft herrlich Gesichter der Kranken auf dem Gang oder der Besucher. Hinter dem milchigen Glas der Fenster beginnt es zu regnen, eine Möwe fliegt vorbei. Vor dem OP sitzt ein grobgesichtiger Chirurg. »‘Langer Tag!‘, sagt er.« Das Gespräch bleibt kurz, denn Oma ist auch nicht hinter den Türen des verschlossenen Raumes.

Der Text ist in Tableaus gedruckt, die über Teile der Bilder gelegt sind. Im Text wechselt mehrfach die Erzählperspektive, oft wird aus der Sicht von Henry berichtet.

 

Je länger die Geschichte geht, desto mehr gewinnen wir den kleinen Jungen lieb. Wie er mit dem Mädchen aus seiner Kita umgeht, ohne wirklich unhöflich zu sein, wie er Fremde anspricht und sich nicht entmutigen lässt bei seiner Suche, das fordert schon unsere Achtung vor seinem Durchhaltevermögen. Andere Kinder würden sich vielleicht in eine Ecke setzten und mit Weinen beginnen. Dass er bei seinem eigenen Abenteuer die Gefühlslage seiner Babysitterin gar nicht bedachte, kann man dem Jungen gewiss nicht vorwerfen.

Eine schöne Einstimmung im Kindergarten vor der Besichtigung eines Krankenhauses oder eines Amtes.

 

 

 

 

 

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en