Christine Nöstlinger & Katharina Sieg:
Jeden Morgen um 10

Wien: Nilpferd bei G&G 2016

www.nilpferd.at

ISBN 978-3-7074-5189-4
28 S * 14,99 € * ab 04 J

 

 

 

 

Ein Hund wiederholt immer wieder die gleiche Handlung. Von der Insel auf die Fähre. Von der Fähre weiter auf das Festland. Auf dem Festland zur Kirche. Warten im Schatten der Kirche. Und zurück zur letzten Fähre des Tages. Sechs Personen verfolgen diesen Ablauf und erfahren nach und nach den Grund für das merkwürdige Verhalten. Problem: Jede Geschichte widerspricht den vorhergehenden. Was also ist „wahr“?

Wahrheit

Jeden Tag derselbe Ablauf: Der Hund betritt exakt um 10 Uhr die Fähre zum Festland und legt sich dort vor der Kirche in den Schatten. Am späten Nachmittag geht es umgekehrt zurück auf die Insel. Seit wann er das genau macht, ist nicht klar. Einige Jahre werden es sein, meinen die sechs Menschen, die sich nicht zum ersten Mal fragen, warum er das macht.
Max, so haben ihn die Sechs getauft, erzählt nun jeden Tag seine Geschichte jeweils einem der Beobachter, der sie dann den anderen mitteilt. Das Besondere ist: Es ist jedes Mal eine andere Geschichte. Die von gestern wird also falsch sein. Die wahre Geschichte erfährt dann die kleine Gina, die sich zu ihm setzt und ihn zwischen den Ohren krault. Und ihr erzählt Max nun seine wirklich wahre Geschichte.
Oder war das neue eine neue Variante, die den sechs anderen den Garaus machen sollte?

Christine Nöstlinger wählt die beliebte Bilderbuch-Erzählung der Wiederholung, benutzt die gleiche Erzählform und zum großen Teil auch die gleichen Worte, jeweils ergänzt – zum Beispiel durch die aufzählend genannten Personen.

Katharina Sieg zeichnet extreme ‚Typen‘ mit Accessoires, die sie mit ihrem Beruf kennzeichnen. Die Scheiderin trägt anstatt einer Lesebrille am Band eine Schneiderschere und ein Maßband als Schal, den Pfarrer erkennt man am Beffchen, die Gemüsefrau hat in der Tasche ihrer mit Birnen bedruckten Schürze eine Ananas und eine Möhre in ihrem Dutt, den Baumeister kennzeichnet ein Zollstock hinter seinem Ohr und diverse Handwerkszeuge im Gürtel, der Bäcker trägt in seiner Hosentasche eine Nudelrolle und die Wirtin ein Limonadenglas und ein Trockenhandtuch.

So ist die Geschichte geprägt von vielen leicht modifiziert Wiedererkennbaren. Ebenso die Bilder, die vielleicht etwas gewöhnungsbedürftig sind. Der Hund trägt ein bunt gefärbtes langes Kopfhaar, das ihn auch als Häuptling ausweisen könnte und das sich in seinem Schwanz wiederholt. Insel und Festland sind in einer Mischung von Pflanze, Mensch und Tier geprägt, wobei alle sehr besonders sind (Banjo für den Frosch / Katze mit herzförmigen rosa Brillengläsern / Pflanzen in Anlehnung von Heinz Edelmanns Beatles Film ‚Yellow Submarine‘ / u. a.).

 

Eine gute Metapher über das, was WIRKLICH ist – oder auch nicht, denn das Andere ist genauso wirklich, kann es wenigstens sein. Man kann sich auf nur Weniges verlassen, und auf das auch nur bedingt.
Dieser Teil erfordert vom Kind Einiges an Abstraktionsvermögen. Daneben ist es aber auch noch ein ziemlich witziges Bilderbuch über einen komischen Hund und sechs erwachsenen Menschen, die durch ein Kind ergänzt werden. Das ausgerechnet bringt alles bisher Erzählte gehörig ins Wackeln. Gut so.

 

 

 

 

 

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en