Liniers:
Der rote Ballon

Aus dem Englischen von Ulrike Becker
München: Kunstmann 2016

www.kunstmann.de

ISBN 978-3-95614-139-3
32 S * 15,00 € * ab 04 J

 

 

 

 

In Art eines Comics, jedoch ohne die strenge Form, wird in kleinen Bildern deutlich: Das ältere Mädchen liebt ihre kleine Schwester und sie zeigt ihr das Leben. Die Kleine nimmt das auf, was sie kann. Zweitkinder lernen vom erstgeborenen Kind deutlich mehr als von ihren Eltern. Hier ist das behutsam und sehr genau beobachtet gezeichnet und beschrieben.

Geschwister

Erstaunlich, dass uns spontan kein anderes Bilderbuch einfiel, das sich mit diesem einfachen und wichtigen Thema beschäftigte. Der Autor Ricardo Liniers Siri entwirft kleine Inseln auf die Seiten. Es spielen nur mit Matilda und Clementina, genannt Clemmie. Die beiden sprechen durch Sprechblasen, vor allem die ältere Matilda, denn Clemmie ist noch klein, schläft noch im Gitterbett. Beide schlafen im gleichen Zimmer, die Betten über Eck. »Heute ist Samstag!« sagt die Große. »Tag?« antwortet die Kleine, lässt sich sofort anstecken vom Entdeckerdrang der älteren Schwester. Aber halt. Es regnet. Regen ist nass, und Nässe ist erst einmal gar nicht schön. Gut, man kann in Pfützen springen, und man kann mit einem Schirm hinauslaufen in den Regen. Clemmie! Wenn man den Schirm aufmacht, prasseln die Tropfen auf das Dach! Das ist schön! Jedenfalls so lange, bis der starke Wind den Schirm umstülpt.
Heraus kommt nicht, dass der Regen am Samstag schön ist. Auch nicht, dass die beiden Mädchen am Abend beide nießen müssen, beide eine kleine Erkältung aus ihrem Abenteuer mitbrachten. Heraus kommt, dass das Leben schön ist. Schön. Schön. Schön. Jetzt jedenfalls. Weiter denken wir nicht.

Auf dem Titelbild zeigt Liniers bereits, dass es genau so ist. Ein großer Baum mit hoher Krone, ein grüner Busch mit roten Blüten, der doppelt so hoch ist wie Matilda, eine kleine Senke, Clemmie mit ausgestreckten Armen, die ihren roten Luftballon von ihrem Geburtstag fliegen lässt, damit der Regenbogen, den wir hier allerdings nicht sehen, einen Freund findet.

Wir vermissen keine Eltern. Die ältere Schwester hat alles im Griff, das Wochenende ist sicher ein Zeitraum, in dem die Erwachsenen sich weniger um ihre Kinder kümmern. Die Kleine kümmert sich um die ganz Kleine. Und das ist schön wie das Leben.

 

 

 

 

 

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en