Barroux:
Ahmed
Aus dem Französischen von Claudia Sandberg
Berlin: Schaltzeit 2016

www.schaltzeitverlag.de

ISBN 978-3-941362-89-5
32 S * 14,90 € * ab 04 J

 

 

 

 

Ein großer Mann mit fremdem Aussehen sitzt immer auf seinem Platz in der dunklen Ecke neben der Straße. Der Junge hält ihn in seiner Fantasie für einen großen König aus der Fremde, sein Vater sieht in ihm einen Stadtstreicher. Mächtig ist der Bart und ist seine Größe, verlässlich ist seine Anwesenheit. Plötzlich aber ist er weg.

Auf der Straße leben

Der Junge erzählt. Ihm ist klar, dass der Mann, der sich irgendwann am Nachmittag an immer die gleiche Stelle in der Nähe des Marktplatzes in die Ecke setzte, dass dieser Mann ein Mächtiger ist, der »König eines fernen Landes ... aus Sand und Wind, perlenbestickten Stoffen und fremden Düften ...«. Seinem Vater ist klar, dass dieser Mann ein Bettler ist, ein Stadtstreicher. Beiden ist klar, dass man keine Angst vor ihm haben muss, auch wenn lediglich die Frau des Hausmeisters aus der Nummer 21 ihm manchmal etwas zusteckt und sich wenigstens kurz mit ihm unterhält.
Am Ende des Winters ist der Mann plötzlich weg. Niemand fragt nach ihm, auch der Junge nicht. Aber er vermisst ihn.

 

Die Illustrationen sind speziell. Barroux legt zunächst mit grobem Pinsel und Wasserfarben einen Hintergrund, den er sodann mit feinen Linien belegt. Diese bilden eine flächig gehaltene Tür, die Umrahmung eines Baumstamms, einen Bürgersteig, einen Menschen. Teile der dadurch entstandenen geschlossenen Flächen werden ‚unordentlich‘ übergefärbt: Der Junge erhält eine rote Mütze und eine blaue Hose. Sein Hintergrund wird ebenso aufgehellt wie der des Baumes. Auf dem Boden sehen wir pickende Tauben und einige Laubblätter. Wir haben Herbst.
Die Titelfigur ist hervorragend gelungen. Eine dunkle flache Mütze, geschlossene faltige Augen, eine eckige Nase und – vor allem – ein mächtiger dreieckiger schwarzer Bart, der auf den hohen Wangenknochen beginnt und in einem leichten Schwung unterhalb des Brustbeins spitz endet. Ahmed, dessen Namen nur im Nachspann genannt wird, ist eine mächtige und wohl tragische Figur – entwurzelt, verrückt in eine für ihn fremde Welt, in der er als Fremder Nichtbeachtung erfährt.

 

Das kennen wir. Die ‚Naiven‘ und die Träumer sehen anders als die, die sich selbst als ‚Realisten‘ fühlen. Die einen erkennen den mächtigen König in der Person, die anderen sehen den Bettler. Kaum einer versucht, die wahre Person zu erfassen. Werden wir uns also morgen bemühen, den anderen ‚Ahmed‘ zur Kenntnis zu nehmen oder gar einmal ein Wort mit ihm wechseln? Das wäre ein gutes Ergebnis für Kinder wie für die (vorlesenden) Erwachsenen.

 

 

 

 

 

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en