Laura Fuchs & Martin Gülich:
Die fabelhafte Reise des Gaspard Amundsen

Stuttgart: Thienemann 2016

www.thienemann.de

ISBN 978-3-522-45824-5
28 S * 14,99 € * ab 04 J

 

 

 

 

Auch wenn die Reise des G. A. keine Fabel ist, so ist sie doch ‚wunder‘bar erzählt und mindestens genauso mit Bildern belegt. Gaspard Amundsen ist ein nicht mehr junges Großstadtkrokodil, das ziemlich plötzlich ein Fernweh packt. Wir begleiten ihn auf seiner Reise über Land, Luft und Wasser.

Krokodil mit Ruder im Boot auf dem Wasser

107 Jahre sind auch für ein Großstadtkrokodil wie Gaspard Amundsen ein Alter, wo es hier und da zwickt und die Knochen ein bisschen knistern. Nicht immer helfen dagegen der Brennnesseltee und der gemütliche Lesesessel in der eigenen kleinen Bibliothek. Gaspard überkommt eine unerklärliche Unruhe, die darin gipfelt, dass er etwas von der Welt sehen will – außerhalb seiner Stadt. Schon am Bahnhof wird er von Dieben beraubt, stürzt später mit einem Flugzeug ab, taucht vom Boot in eine ihm fremde Unterwasserwelt und erlebt am Eismeer das Phänomen des Nordlichts. Dann ist es Zeit zurückzukehren. Er hat sich verändert, seinen Brennnesseltee nimmt er auf dem Dach des Hauses ein. Da ist die Welt noch größer als in seiner Bibliothek.

Martin Gülich hat die Geschichte nach einer Idee der Illustratorin geschrieben. Für den Druck des Textes halten die Bilder ruhige Flächen bereit – soweit er nicht abgesetzt und mit kleinen zusätzlichen Zeichnungen versehen ist. Die Illustrationen von Laura Fuchs sind zum Teil ausgesprochen Zeit intensiv entstanden: Vorskizzen am digitalen Grafiktablett, die dann auf Aquarellpapier übertragen und »in sehr aufwendiger Handarbeit mit feinen Pinseln und Aquarellfarbe« (Verlags-Interview) koloriert. Besonders dem ersten ganzseitigen Bild sieht man an, dass es sicher eines ganzen Monats bis zur endgültigen Fassung bedurfte.

Im Buch versteckt sie eine Reihe von Zitaten, von denen einige hier genannt seien:
Die Namen ‚Gaspard‘ und ‚Amundsen‘ verweisen auf Caspar (einem der Heiligen Drei Könige), aus dem auch durch die Dreikönigsspiele das ‚Kasperle‘ entstand; Roald Amundsen (1872-1928) war ein sehr bekannter Forscher und Entdecker vor allem der Arktis und Antarktis. Der Teil des Buches, in dem Bär, Wolf und Großstadtkrokodil auf dem Hügel das Nordlicht bestaunen, weist ganz sicher auf ihn hin wie auf das Ende des Films ‚König der Fischer‘ (mit Robin Williams in der Hauptrolle). Dazu kommt eine Parkettierung aus Rochenfischen, die auf mehrere Bilder von M. C. Escher hinweisen; von den gerahmten Bildern in der Bibliothek könnte eins durchaus Stonehenge zeigen. Die starken Krallen des Maulwurfs sind nicht zufällig so geformt wie die Fingernägel einiger Frauen und bilden einen wunderbaren Kontrast zu den schrottigen Flugzeugteilen, die irgendwie tatsächlich in die Luft steigen können. Wenigstens zeitweise.

 

Eine schöne Geschichte über die Herrlichkeit des Zuhauses, das man aber erst richtig zu schätzen weiß, wenn man außerhalb war. Mehr noch: Das Zuhause gewinnt dadurch, erfährt eine weitere Dimension – allerdings wohl nur, wenn es als solches unumstritten gilt und eine Reise keine Flucht ist, sondern ein Staunen.

 

 

 

 

 

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en