François Durpaire & Farid Boudjellal:
Die Präsidentin

Aus dem Französischen von Edmund Jacoby
Berlin: Jacoby & Stuart 2016

www.jacobystuart.de

ISBN 978-3-946593-12-6
160 S * 19,95 € * ab 16 J

 

 

 

 

Was wäre, wenn 2017 Marine Le Pen Präsidentin von Frankreich würde? Die Graphic Novel geht einer derartigen Zukunft sehr akribisch und kleinschrittig nach und bemüht sich um wissenschaftliche Nachprüfbarkeit.
Zu viel gewollt, das Ziel aus den Augen verloren!

Gut gemeint, ist nicht ...

Das Gegenteil von ‚gut‘ ist ‚gut gemeint‘, also ‚schlecht‘ (meint nicht nur Tucholsky). Das betrifft nicht die Form des Comics, wohl aber das gesamte Unternehmen. Vorweg: Der Rezensent stimmt dem Unternehmen, Marine Le Pen und der ‚Front National‘ die Maske vom Gesicht zu reißen und die Folgen einer möglichen ‚Machtübernahme‘ darzustellen, vollkommen zu. Eine ganz schreckliche Vision drängt sich da auf – für Frankreich, für Deutschland, für Europa, vielleicht sogar für die ganze Welt. Wir verstehen, dass das Buch einen wissenschaftlich fundierten Anspruch hat, der eine mögliche, ganz furchtbare Entwicklung darstellt. Allein: Autor und Illustrator werden wohl nur wenige Personen finden, die ihnen folgen werden. In Frankreich nicht, in Deutschland wohl noch weniger, da hier geringere Betroffenheit zur FN herrscht und eine Verbindung zur AfD fehlt. Das liegt nicht am Ziel, sondern an der viel zu komplexen Darstellung.

Das Genre wird missbraucht, denn diese Graphic Novel ist absolut textlastig, auch wenn sie mit Bildern bestückt ist. Das Buch soll aufwecken, aber es kommt nicht auf den Punkt. Wie wird sich denn eine Marine Le Pen Präsidentschaft auswirken auf mich, den französischen Bürger, wie auf mich, den deutschen? Erst nach über 100 von 160 Seiten und weit mehr als 1000 Bildern kommen wir zu personifizierten Auswirkungen, die zudem durch wörtliche (übersetzte) Texte von Le Pen / dem FN leseunfreundlich für leseungeübte Personen in kleiner Schrift pro Bild abgedruckt sind – das ist verschwurbelter als dieser Satz.
Wenn man sich wirklich mit den Populisten auseinandersetzen will, dann kann man nicht mit ausführlichen Argumenten kommen, sondern nur mit einem dargestellten Inferno eines möglichen Endes. Wir haben doch geschichtliche Vorgaben, die gerade eben eine, vielleicht drei Generationen erlebt haben! Warum nicht daran anknüpfen?
Wenn man Brillenträger oder Grauhaarige oder Personen mit angewachsenem Ohrläppchen in den Fokus zerrte und ein wenig untermauerte, könnten wir eine eigene Partei gründen. Was mag die Gründer treiben? Warum werden sie Unterstützer finden? Gehörst du dazu? Oder wirst du eins der Opfer sein? Was daran kann dir egal sein? So oder ähnlich wird Betroffenheit geweckt, die bestenfalls in Demokratieverständnis mündet.

Ein gutes und wichtiges Thema mit hervorragendem Bildmaterial – und dennoch gar nicht recht empfehlenswert. Kaum jemand wird sich den gesamten Text durchlesen, viele die Bilder überfliegen. Und das hat das Thema ABSOLUT NICHT VERDIENT. Schade, schade. Schade.

 

 

 

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en