Pablo Bernasconi:
Ende.
Berühmte letzte Sätze der Weltliteratur

Deutsche Fassung zusammengestellt von Silke Kleemann
München: Mixtvision 2016

www.mixtvision-verlag.de

ISBN 978-3-95854-053-8
128 S * 29,90 € * ab 16 J

 

 

 

 

Nicht erste Sätze berühmter Literaturwerke stehen im Mittelpunkt, sondern die letzten – wenn auch ‚letzter Satz‘ hier etwas großzügig ausgelegt wird. Ganz besonders empfehlenswert sind die ungewöhnlichen Kunstwerke, die Pablo Bernasconi schuf, um den Werken je ein eigenes und sehr ungewöhnliches Gesicht zu geben.

Kunst und Literatur

Falls man eins der Bücher, deren Schlusssätze hier abgedruckt sind, nicht kennen sollte – und das wäre nicht ganz unwahrscheinlich, dann wird der Leser spätestens durch die Bilder neugierig darauf. Der Künstler klärt auf, warum er oft das Ende von Geschichten, Romanen, Erzählungen gleich zu Beginn liest, und seine Begründung ist nachvollziehbar. Erstens enthüllt »das Ende« gar nicht den Schluss, der »letzte Absatz rundet lediglich eine Geschichte ab, die im Grunde schon viele Seiten vorher zu Ende gegangen war«. Zweitens wird durch die Kenntnis des Endes eine Spannung aus dem Lesen herausgenommen, sodass der Rest deutlich entspannter zu lesen sei, das geschliffene Wort, die Wahl der Worte und die Struktur der Sätze lassen sich wie bei einem zweiten Durchgang bereits jetzt genießen.

Die Illustrationen zu der Auswahl kann man noch früher genießen, nämlich auf dem Cover. Der Bug eines alten Ruderbootes, die hellblaue Farbe der Sitze ist abgeblättert, ein Brett hat ein großes, dunkles Loch, die gebogenen Planken sind rot. In Verlängerung des Bugs liegt ein Paddel, unter dem unterschiedlich lange, leicht oder stärker gekrümmte Tampen, die an ihren Enden leicht ausgefranst sind. Der Gesamteindruck ist der eines Fisches, nachdem seine Filets entfernt wurden. Wir sind bei Ernest Hemingway und seiner Novelle »Der alte Mann und das Meer« aus dem Jahr 1952.
Von dieser Art sind die Kunstwerke: fotografierte Objekte, die von ihrer ursprünglichen Bedeutung entfremdet wurden, neu zusammengestellt, verbunden wurden. Das Foto der Collage gewinnt dann außerdem durch wenige Striche, durch kleine Ergänzungen (Beine, Füße, Krakeluren ...). Ein Hufeisen wird zum leicht buckelnden Pferd, der Gaucho ist aus Papier gestaltet, der Schweif des Pferdes ist ein Haferhalm, die Pampa besteht aus sehr dislozierten kleinen Halmen unterschiedlicher Farbe.
Oder nehmen wir die Illustration zu Franz Kafkas »Der Prozess«. Eine helle Fläche links, zwei Drittel rechts davon ist tiefschwarz. In der hellen bildet ein leicht schiefes schwarzes Trapez eine Tür, aus der ein gefalteter Streifen Papier eine Treppe bildet, die über der schwarzen Fläche nach unten geleitet. Die Person, die gerade aus der ‚Tür‘ auf die ersten Stufen tritt, hält in der Hand eine ähnlich gestaltete Treppe, die sich nach oben aus dem Bild windet. Er wird sie mit nach unten tragen. Beide gefalteten Bänder bilden einen Winkel, der gerade so, aber dennoch deutlich, größer ist als ein rechter. Sehr beeindruckend – und man beschließt sofort, mal wieder / zum ersten Mal Kafka lesen zu wollen.

Dem Einwand, dass das Buch wohl eher etwas für erwachsene Leser ist, kann man getrost nachgeben. Es ist ein Buch für Erwachsene. Aber es ist zugleich ein Buch für den Kunst- wie den Literatur-Unterricht der Oberstufe in einer Schule, am besten von Deutschlehrkräften, die zugleich Kunst unterrichten.

 

 

 

 

 

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en