Yan Marchand & Yann Le Bras:
Sokrates verlässt das Reich der Schatten

Aus dem Französischen von Thomas Laugstien
Zürich-Berlin: Diaphanes 2016

www.diaphanes.net

ISBN 978-3-03734-500-9
64 S * 14,95 € * ab 11 J

 

 

 

 

Sehen wir die Dinge, wie sie sind? Oder halten wir ihre Abbilder, ihre Schatten für die Wirklichkeit? Yan Marchand lässt den griechischen Philosophen Sokrates und seinen ‚Widersacher‘ und Stichwortgeber Thrasymachos mehrfach sterben. Beide werden (nach je 1000 Jahren) wiedergeboren, und Sokrates kann seinen scharfen Verstand und seine philosophische Hebammen-Methode‘ anwenden und lässt uns daran teilhaben. Yann Le Bras gestaltet ungewöhnliche Bilder dazu.

Hebammenphilosoph

Drei Richter hat das Tribunal im Vor-Hades. Alle Drei seien Teil der Seele eines jeden Menschen: Das Tier mit den drei Köpfen »sucht nur sein Vergnügen ... jeder seiner Köpfe will den anderen verschlingen«, aber sie fürchten sich gegenseitig. Das ist gut. Der Löwe ist »der Arm der Gerechtigkeit«, der auf den mildesten Teil der Seele hört, den goldenen Menschen, der als Dritter die Vernunft symbolisiert.
Thrasymachos verteidigt sein Leben wie folgt: »Jeder weiß, dass der Mensch auf seinen Vorteil bedacht ist.« Genau das habe er sein Leben lang verfolgt, und er erweitert, dass es daher nicht unrecht sei, Herr sein zu wollen oder das zu begehren, was andere bereits hätten. Der Stärkere erhielte eben genau das, was er verdiene. Das wäre die wahre Gerechtigkeit.
Der ‚goldene Mensch‘ zeigt mit der Methode des Sokrates, wie sich die Wahrheit in Thrasymachos bisher versteckte. Er stellt ihm die Fragen, die der Verstorbene so beantworten muss, dass er seine ursprüngliche Meinung selbst als falsch erkennt. Zur Strafe für sein falsches Leben muss Thrasymachos 1000 Jahre in den Abgrund (und ganz zuletzt gar in das Ende, den Tartaros, die Hölle). Danach darf er vom Wasser des Vergessens trinken und wird neu geboren. Zugleich mit dem Missetäter erlebt Sokrates bis zur Zeit der Wiedergeburt eine angenehme Zeit im Himmel. Dann wird er im Leib einer Stechmücke geboren, später in Gestalt eines Hundes, der den blinden Homer führt.

Sehr geschickt verwebt der Autor Yan Marchand seine Geschichte mit der von Sokrates selbst. Damit werden zugleich viele der alten Ideen und deren Methoden lebendig.

 

Dem Text werden im Umfang fast gleichwertig viele Illustrationen zur Seite gestellt. Yann Le Bras stempelt und bearbeitet diese, färbt sie mit grobem Strich. Die Gesichter der Personen sind geprägt von langen dreieckigen roten Nasen, deren Färbung sich auch in den Ohren wiederfindet. Sokrates erhält ein weißes Gewand, Thrasymachos ein zerrissenes dunkelblaues. Seine tiefschwarzen Kopfhaare und sein Bart sind sicher nicht zufällig gewählt, ebenso wie die rote Farbe des dreiköpfigen Untiers der Seele.

 

 

Der Diaphanes Verlag hat in seiner Reihe »Platon & Co« die Ideen einiger Philosophen für Jugendliche zugänglich gemacht: Laotse, Diogenes, Epikur, Augustin, Erasmus, Descartes, Pascal, Rousseau, Kant, Kierkegaard, Freud, Wittgenstein, Einstein, Bachelard, Heidegger, Arendt, Ricoeur.

 

»Das Gespenst des Karl Marx« (2014; Heinrich-Wolgast-Preis 2015), Gottfried Wilhelm »Leibniz oder die beste der möglichen Welten« (2015) und nun »Sokrates verlässt das Reich der Schatten« (2016) sind in der Datenbank unter www.ajum.de rezensiert worden.

 

 

 

 

 

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en