Raphaël Baud & Aurélie Neyret:
Herr Nashorn macht Urlaub

Aus dem Französischen von Andrea Lüthi
Zürich: Atlantis bei Orell Füssli 2016

www.atlantis-verlag.ch

ISBN 978-3-7152-0704-9
36 S * 14,95 € * ab 03 J

 

 

 

 

Merkwürdig, dass wir wissen wollen, woher wir kommen. Wir könnten doch zufrieden sein, dass wir da sind. Aber nein, selbst das Nashorn im Zoo hat das Bedürfnis, wenigstens im Urlaub mal zu schauen, wie es in der angestammten Heimat aussieht.

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Zootier sein sei ein Beruf, erzählt Herr Baud, und Frau Neyret zeichnet sogleich das Nashorn auf zwei Beinen mit hellbrauner langer Hose, weißem Hemd mit roter Krawatte und dunkelbrauner Weste. In der linken ‚Hand‘ hält er ein kleines Köfferchen. Nicht genug damit, auch der Storch verabschiedet sich gerade vom Krokodil und auch zwei der drei Pinguine im Vordergrund des ganzseitigen Bildes tragen schmale Taschen unter den Stummelflügeln.
Dann wird die Geschichte konkret. Das Nashorn ist an der Reihe, verabschiedet sich von den anderen Tieren und nimmt Aufträge zum Mitbringen entgegen. Die anderen Tiere (Bär, Giraffe, Orang-Utan, Pfau, roter Vogel u. a.), alle ohne menschliche Kleidung, wären vielleicht gern mitgereist, aber es ist nur das Nashorn, das die U-Bahn zum Flughafen nimmt, gar nicht glücklich aussieht, sogar immer unglücklicher wirkt auf dem Weg in die Heimat – und das liegt nicht daran, dass in der afrikanischen Savanne im Bus kein Platz mehr für das riesige Nashorn ist und er sich am Ende auf einer Plattform festhalten muss. Den Marabu im Vordergrund amüsiert das scheinbar. Auf der Rückfahrt nach zwei Wochen Urlaub ist unser Nashorn irgendwo IM Bus.

 

Auch wenn das Nashorn das einzige Tier ist, das ganz vermenschlicht wird, so ist die gesamte Geschichte schon grenzwertig. Alle Tiere sind eigentlich im Zoo daheim, erhalten Urlaub und kommen gern wieder zurück zu ihren Freunden, den anderen Tieren. Wir haben einen (ganz) kleinen Eindruck vom wirklichen Lebensraum eines Nashorns erhalten, aber das Leben in der Savanne bleibt eher Staffage. Kein Wort über die Probleme von Nashörnern durch Wilddiebe. Es gibt keine weibliche Seite, es gibt keine Kritik zum Zoo. Das menschliche Nashorn wird zunächst vom lustigen Eichhörnchen am Zaun beäugt, die anderen Tiere warten schon mit Getränken und mit Knabberzeug. Die kleinen dürfen tanzen.

 

Leider ist die Geschichte recht dünn. Das macht es der Illustratorin schon einmal schwer, aber sie bläst auch in das gleiche Horn. Sie gibt dem Nashorn in der Savanne einen lachhaft kleinen Hut, ein weißes ‚Muscle-Shirt‘, über das ein Hosenträger spannt, der eine Hose in der Farbe der Savanne hält. So sind Urlauber, oder?

 

Die Botschaft des Buches ist unklar. Freuen sich alle auf den Urlaub, um sich sodann auf die gewohnte Umgebung zu freuen? Sind Tiere auch nichts Anderes als Menschen? Ist das Leben im Zoo letztlich doch das Leben in der Heimat, alle anderen Tiere Freunde?
Kinder müssen durch Bücher nicht (immer und unbedingt) etwas Lernen, Bücher dürfen auch einfach Spaß machen. Sie sollten allerdings auch nicht Friede-Freude-Eierkuchen abbilden.

 

 

 

 

 

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en