Benjamin Courtault:
Plötzlich Funkstille

Mannheim: Kunstanst!fter 2016

www.kunstanstifter.de

ISBN 978-3-942795-41-8
32 S * 22,50 € * ab 14 J

 

 

 

 

Eine verstörende Geschichte aus der Welt der jungen Generation in eine Art von digitaler Realität, die geprägt ist von Andeutungen, kalter Liebe und Angst vor Verlust eben der digitalen Vernetzung – gepaart mit ungewolltem Drogenkonsum. Eine sehr komplexe Geschichte, in der der Text nur Teile erzählt und die Bilder den Betrachter mehrfach etwas ratlos lässt. – Kein Bilderbuch für ‚kleine Kinder‘.

Realität in der Virtualität

Der Ich-Erzähler wird erst auf der letzten Seite von einem auktorialen abgelöst. Bis dahin folgen wir seiner mehr oder weniger fantastischen, rauschhaften Geschichte. Wieder eine ganze Nacht vor dem Bildschirm – und erst spät eine kurze Verbindung zu Marie. Sie meint, dass »eine virtuelle Beziehung das Beste« für die beiden sei, dass »eine Begegnung« alles zerstören könne. Erst am Ende der Erzählung werden aufmerksame Betrachter durch einen Vergleich mit früheren Bilderseiten feststellen, dass der Erzähler direkt in der Wohnung unterhalb der von Marie lebt.

Der junge Autor und Illustrator stellt sich selbst und seine Generation mit ihren digitalen Ansprüchen in den Fokus. Seine Geschichte erzählt von einem Fast-Ausfall des Netzes, für das der Protagonist / er selbst arbeitet, nämlich der NTC, der Nationalen Telekommunikationscompany. 83 Prozent des Netzes sind außer Betrieb, eine Katastrophe bahnt sich nicht nur an, sie ist greifbar. In diese Situation macht der Autor ein neues Fenster auf, denn das Abpflücken von offensichtlich gen-manipulierten Erbsenschoten führt zu Halluzinationen. Sehr bald sind wir in diesen Tagträumen mit involviert, wissen auch nicht mehr zu unterscheiden zwischen wirklicher und digitaler Realität, verstehen kaum noch den Unterschied, und ob es überhaupt so etwas gibt, geben kann.

Genau da hinein stoßen die Bilder, die ‚unordentlich‘ gefärbte Flächen in blassen Farben von Hellblau zu Grün und Gelb und Orange aneinandersetzen, ganze Seite rücksichtlos und ohne Rahmen aneinanderstoßen, Ebenen entstehen und Treppen, fließende Gewässer, die deutlich nur Bilder von ihnen selbst sind. Auf Stahlträgern scheinen Gräser zu wachsen, große Parabolspiegel weisen auf die digitale Welt, ein Zelt hinter einem Spind vor großen Reklametafeln für eine exotische Reise und vor einem nadellosen Tannenbaum auf die wohl verlorene kleine Welt, in der wir – noch – leben, vielleicht.

 

Benjamin Courtault führt den Rausch des Internets mit dem Rausch im menschlichen Körper durch mehr oder weniger natürliche Mittel zusammen – und er hinterlässt leider nur eine Off-Stimme der Geschichte. Das ist nicht sehr aufbauend, folgt auch nicht den gängigen Dystopien, denn es gibt nicht einmal ein kleines Hoffnungsleuchten.

Dagegen gibt es noch viele scheinbare Kleinigkeiten, die es zu entdecken und zu interpretieren gilt, wenn man denn möchte. Das Hauptproblem dabei dürfte sein, dass sich Jugendliche leider kaum von selbst einem, dem Bilderbuch zuwenden, Bilderbuchkinder dagegen wären hoffnungslos überfordert. Wieder einmal zeigt es sich, dass viele Bilderbücher ein echter Gewinn für Jugendliche und Erwachsene sein können. Es wird Zeit, dass das Kleinkinder-Image abgelöst wird.

 

P. S. Benjamin Courtaults Buch „Plötzlich Funkstille“ wurde von der Stiftung Buchkunst unter die „Die Schönsten deutschen Bücher“ 2016 gewählt. Aus insgesamt 788 eingesandten Titeln haben zwei Expertenjurys die 25 schönsten deutschen Bücher des Jahres gekürt, „Plötzlich Funkstille“ ist in der Kategorie „Allgemeine Literatur“ ausgezeichnet worden. (Quelle: Pressemitteilung des Verlags)

 

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Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en