Allan Say:
Unter dem Kirschblütenbaum

Aus dem Amerikanischen von Gabriela Bracklo
Gräfelfing: Edition Bracklo 2016

www.edition-bracklo.de

ISBN 978-3-9815055-8-6
36 S * 19,80 € * ab 03 J

 

 

 

 

Alt, reich, gierig, geizig, allein – es gibt noch einige weitere Attribute dieser Art, die zum Grundherrn des Tales passen. Aber manchmal meint das Leben es gut mit den Unterdrückten, die nach der Arbeit zu leben wissen. Das Kirschblütenfest wird jedenfalls ausgelassen gefeiert – inklusive Karpfen im Teich.

Gier gegen Glücklichsein

Der Karpfen ist ein Symbol für das Ende der Entwicklung, die damit begann, dass der allein lebende Großgrundbesitzer Jahr für Jahr die Mieten für alle Häuser erhöhte. Dafür saß er denn auch allein unter seinem blühenden Kirschbaum, während der Rest der Talbevölkerung ein lustiges und freudiges Fest feierte. Er bemerkt nicht einmal, dass sich ein Kirschkern in seinen Kopf verirrte, wohl aber den Baum, der aus seinem Kopf wächst, und den er mit einer Art Stolz trägt. Wer weiß, wozu der gut ist. Irgendwann wird er aber wütend den Baum ausreißen und damit den Anfang von seinem eigenen Ende einleiten.

Die Geschichte gehört zu den »makura«, beim Fernsehen heißt das für das Publikum heute »Warm up«. Auf kleinen Bühnen, den »yose«, wurden in Japan viele Generationen mit lustigen oder komischen Geschichten unterhalten. Die »makura« (= Kissen) sorgten für die richtige Stimmung. Hier haben wir eine bekannte »makura«, die von Allen Say, der seit 1953 in Kalifornien lebt, erzählt wird. Für sein Buch »Grandfather’s Journey« erhielt er 1994 die Caldecott-Medaille, in der Edition Bracklo erschien auf Deutsch von ihm das Bilderbuch »Der Kamishibai-Mann«, das selbst auch als »Kamishibai« dort erschien (vgl. http://www.ajum.de/index.php?s=datenbank&id=1816503192).

Hier zeichnet Allen Say mit schwarzer Tusche. Durch unendlich viele kleine, enge und schmale Striche schafft er helle oder dunklere Flächen, entstehen Bäume, Blüten, Personen, Kleidungsstücke, Früchte. Ein Betrachten der Bilder mithilfe einer Lupe ist selbst für gut Sehende ein wirkliches Erlebnis, denn der Gesamteindruck löst sich auf in Flächen, die sich auflösen in Striche – und man fragt sich sogleich, wie der Illustrator den umgekehrten Weg gehen konnten und solche Bilder schuf. Ein Viertel davon ließ er auf die linke Seite drucken, die anderen stehen rechts. Die jeweils nicht illustrierte Seite ist im Flattersatz gesetzt und lässt viel Platz zwischen den Zeilen, sodass ein Vorlesen und ein Betrachten zeitlich gut zueinander passen.

Die Geschichte aus einer fremden Kultur nehmen wir wie selbstverständlich an, auch wenn sie absurd wird: Wer hat denn schon mal einen Mann mit einem Kirschbaum auf dem Kopf gesehen? Wie kann denn auf dem Kopf durch das Herausreißen des Baumes ein Hohlraum entstehen, sodass dort ein Teich seine Heimat findet? Wie kann denn etwas oder jemand in sich selbst verschwinden?

Diese Fragen stellen sich wohl nur Erwachsene. Kinder nehmen die Geschichte so, wie sie sind. Es sind Geschichten. Diese ist auch noch toll und ganz hervorragend illustriert.

 

 

 

 

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en