Jon Arno Lawson & Sydney Smith:
Überall Blumen

Frankfurt: Fischer Sauerländer 2015

www.fischerverlage.de

ISBN 978-3-7373-5321-2
32 S * 14,99 € * ab 03 J

 

 

 

 

Die wichtigen Dinge sind klein und stehen oft gar nicht im Mittelpunkt. Diese schöne Botschaft vermittelt uns das Mädchen mit dem roten Kapuzenanorak. Sie findet in der Steinwüste der Großstadt überall in kleinsten Ritzen und Spalten Blumen, die sie pflückt und mitnimmt. Ihr Vater bekommt das kaum mit – und selbstverständlich auch nicht, was sie damit macht. Wir schon.

Das Schöne suchen – und finden

Das Buch kommt ohne Wörter aus. Wir verfolgen einen Mann mit (s)einem Kind auf ihrem Weg durch die Stadt. Damit wir nicht suchen müssen, leuchtet der rote Kapuzenanorak des Mädchens innerhalb der schwarz-weißen Bilder. Aber auch die sind nicht uninteressant, zumal wir nicht wissen, in welche Richtung sich die Geschichte bewegt. Der erwachsene Mann, ziemlich sicher ihr Vater, hat wohl etwas zu erledigen und dabei seine Tochter mitgenommen. Jetzt gehen sie zurück, das Mädchen auf der linken Seite, fasst also die rechte Hand ihres Vaters und lässt sie schon bald los, um zwei gelbe Löwenzahnstängel zu pflücken, die sich neben einem Lichtpfosten aus dem Asphalt quälten. Bei nächster Gelegenheit gewinnt auch die Umgebung – wenigstens kurzzeitig – an Farbe. Die Apfelsinen in der Obstauslage eines Ladens sind orange, die Zitronen gelb, die Taxis auf der Straße nehmen beide Farben auf. Dann ist alles wie zuvor – bis zum nächsten Blumenfund in einer Ritze und dem nächsten auf einem kleinen gepflasterten Wall. Das Kleid von einer Person an der Bushaltestelle ist bunt, ein wenig Rot an einem Bus weit hinten, in der Mitte das Kind, das nur Augen hat für die Blüten. Der Vater nicht. Er hat statt seines Kindes in der rechten Hand ein mobiles Telefon, das er an sein Ohr hält.

Die Beschreibung klingt nicht sehr dramatisch? Die Geschichte ist nicht sehr dramatisch. Und doch bleibt am Ende eine merkwürdige Unzufriedenheit – nicht über die Geschichte, sondern über die eigene Unfähigkeit, nicht wie das Kind die kleinen Dinge zu sehen. Damit gewinnen diese eine deutliche Erhöhung in unserem Kopf. Wir werden uns nach der Geschichte im Buch nicht völlig verändern, aber wir werden auch nicht mehr genauso gleichgültig durch die Stadt gehen wie zuvor. In einer alten Karikatur lasen wir: »Schau mal, ein Gänseblümchen!« sagte das Kind inmitten des exotischen Gartens, den sich die Erwachsenen anschauten. Hier führt uns auch ein Kind unsere Sucht nach Mehr und Größer und Exotischer ad absurdum. Und das Mädchen macht es gar nicht aufgeregt, es hat auch keine Botschaft, die es vermitteln will. Wir sind es, die sich ganz klein und intim und sehr geheim ändern oder sehen, welcher Weg für uns wohl richtig ist. Hier sind es gepflückte Blumen aus unwirtlicher Umwelt, die still und sehr nachhaltig eine neue Bedeutung erlangen.

Die Bilder nehmen einige Male Strukturen des Comics auf, zeigen sich mehrfach durch gewagte und ungewöhnliche Perspektiven. Hier ein starker Schlagschatten, dort ein helles Gegenlicht, hier eine Totale und dort herangezoomt ein toter Singvogel auf dem Parkweg mit kleinen Blumen auf seinem kleinen Körper.

Nicht nur Kinder denken in Bildern, aber Bilder geben manchmal auch Anlass zum Reden. Hier finden wir viele davon.

 

 

 

 

 

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en