Benjamin Lacombe:
Marie-Antoinette. Das geheime Tagebuch einer Königin

aus dem Französischen von Edmund Jacoby
wissenschaftliche Beratung von Cécile Berly
Berlin: Jacoby & Stuart 2015

www.jacobystuart.de

ISBN 978-3-942787-66-6
96 S * 29,95 € * ab 14 J

 

 

 

 

Ein hervorragender Illustrator nimmt sich eines Themas an, das uns direkt hineinführt in die unmittelbare Vor- und Anfangszeit der Französischen Revolution 1789. Dabei ist weder die Darstellung noch das Ansinnen historisch, eine Person wird dargestellt und ihre tragische Rolle in diesem »Spiel der Geschichte«. Alles ist sehr aufwendig gestaltet: Buch, Textdarstellung und vor allem die Bilder.

Kopfputz

Es ist schon sehr sinnvoll, wenn man nicht nur die Daten auf der Doppelseite der »Zeittafel« am Ende des Buches kennt oder liest, sondern sich – wünschenswerterweise auch mehrfach – mit der Französischen Revolution und ihren Veränderungen in Europa (und der Welt) beschäftigte. Hier wird der Fokus auf eine Person gelegt, die wohl gar nicht so recht wusste, wie ihr geschah. Wie damals üblich wurden zumindest im Adel Ehen aus politischen Gründen geschlossen. So wurde die Schwester des Österreichischen Kaisers, Marie-Antoinette, mit Louis verheiratet, der bald darauf König von Frankreich wurde. Die Interessen ihres Mannes lagen in der Faszination, Schlüssel und die dazugehörigen Schlösser genauer zu erkunden. Sein starkes Interesse für die Jagd wird hier nicht weiter beleuchtet. (Anmerkung: Sein Tagebucheintrag am Tag der Erstürmung der Bastille hieß »Rien.« Er hatte auf der Jagd nichts geschossen.) Seine Frau gehört zunächst überhaupt nicht zu seinen Interessen. Das ändert sich, nachdem sich Marie-Antoinette über ihren Bruder an Louis XVI wendet. Der Erfolg: Die Königin gebiert insgesamt vier Kinder.

Benjamin Lacombe widmet diesem Bereich eine Reihe von Bildern, die noch vor einiger Zeit wohl als »nicht jugendfrei« bezeichnet worden wären: Die Königin inmitten von Blüten, denen aphrodisierende Wirkung nachgesagt wird. Eine Brust ist entblößt, der geöffnete Rock zeigt keinen Körper, sondern eine Irisblüte, deren Spielraum zu einer Interpretation nur sehr gering ist. Und als der König seinen »ehelichen Pflichten« nachkommt, sehen wir, wie in wilder Hatz losgelassene Wölfe unter ihrem von ihr selbst gelüftetem Rock herausstürmen. Einen retardierenden Moment bilden die Schlösser in Form von grafischen Abbildungen aus jener Zeit, denn Lacombe fügt die Königin hinzu, wie sie breitbeinig auf einem Schlüssel reitet und auf einer Mechanik, sich einem Schlüsselloch sehr lasziv nähert oder sich auf einem komplizierten Mechanismus platziert. Der Rapport in Form einer alten Tapete ist dann überdeutlich: Sieben Szenen zeigen, wie sich die Königin mit dem König »vergnügt« (oder umgekehrt).

In den Mittelpunkt seiner Bilder stellt Benjamin Lacombe jedoch die Haarpracht von Marie-Antoinette. Deutlich größer als ihr eigener Kopf und noch riesiger zu ihrem schmalen Körper, werden dort Welten gezeigt: Albinotiere, eine »Schmetterlingsflügelfahne«, »a la Mongolfier«, ein riesiges viermastiges Segelschiff und noch viele andere. Der Illustrator widmet eine ganze Doppelseite seiner kleinen Auswahl.

Um die Geschichte zu erzählen, wählt Lacombe vier Kapitel und zwei Arten von Information. Der eine Teil ist verbürgt. Wir lesen die Übersetzung von neun Briefen, die am »Briefpapier-Font« zu erkennen sind. Der andere Teil liefert die eigentliche Spannung und ist fiktiv. Der Autor erfindet ein Tagebuch, das er Marie-Antoinette in unregelmäßigen Abständen schreiben lässt. Dieser Teil eröffnet uns einen Blick in ihre Denkweise, deren Entfernung von der Realität wir uns nur aufgrund ihrer Entwicklung erklären können.

 

Das Vorwort der Übersetzerin ist sehr hilfreich, die Übersetzung der Pamphlete, die die französischen Revolutionäre über die Königin verfasste, geben den einzigen kleinen Grund zur Kritik. Das mag daran liegen, dass sich Mehrdeutigkeiten darin befinden. Zum Beispiel »La poule d’Autr(u/y)che«: La poule ist sowohl das Huhn als vulgär auch die Nutte, ‚l’Autryche‘ (l’Autriche) ist ‚die Österreicherin‘, mit dem u statt dem y jedoch der Vogel Strauß mit den Merkmalen, denen man einem flugunfähigen Vogel zuordnet. Darunter steht »Je digère l’or, l’argent avec facilité ...«, die Übersetzung lässt das Gold aus und dass man zur Not auch Silber nimmt.

 

Dem hervorragend gestalteten Buch tut dies jedoch keinen wirklich Abbruch. Das geprägte Cover und der Leinenrücken zeigen, dass der Verlag genau diese Aufmerksamkeit verdient. Richtig.

 

 

 

 

 

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en