Karla Schneider (Text) & Stefanie Harjes (Bilder):
Die Häuser der Selma Khnopff.

St. Pölten: Niederösterreichisches Pressehaus (NP) 2004.

ISBN 3-85326-290-2.
40 Seiten.
14,90  €.

Ab 03 Jahre auf anderer Ebene; ansonsten eher für Kinder ab 12 und viele Erwachsene

 

 

Die Geschichte klingt profan: Eine Schnecke ist nicht mehr mit ihrem Haus zufrieden. Also probiert sie eine Blüte, eine Streichholzschachtel, eine Walnusshälfte aus. Das wär’s, wenn da nicht dieses Diva-Verhalten wäre - und Hugo Willumsen.

Schnecke, wo ist dein Haus?

Ungewöhnlich genug: Ein Bilderbuch mit ganz viel Text, mit einer tollen Geschichte. Selma, die Schnecke mit den menschlichen Zügen, diese Diva  w i l l  - und alle anderen sollen es ihr ermöglichen. Nötigenfalls kommt ihr immer Hugo Willumsen zur Hilfe, der nicht genau weiß, ob er sie wegen ihres selbstsüchtigen Verhaltens nicht mag oder aber gerade deswegen eben doch. Auf alle Fälle fühlt er sich nicht genug beachtet. Und er ist immerhin ein Insekt in der Klasse der Hirschkäfer, der sogar in der Lage ist, rückenschwimmend eine Schnecke aus dem Wasser zu ziehen.
Selma ist eine Diva mit bravem Gesicht, Sommersprossen, Henna-Bemalung und Kopfbedeckung, die an Fühler erinnert. Unschuldig und naiv schaut sie, nachdem sie ihr angestammtes Schneckenhaus verließ zu Gunsten dieser vergänglichen zart violetten Glockenblumen-Blüte und später der Streichholzschachtel usw.

Jede (rechte) Bildseite wird von einer glatten Hintergrund-Farbe dominiert, vor der / auf der die Handlung stattfindet, die aber auch nach links in den Text-Teil hinüber greift.
Alle Figuren sind vermenschlicht durch Kleidung und Accessoires, durch Verhalten und Umgebung. Wir haben es selbstverständlich im übertragenen Sinn zu tun mit den kleinen Prinzessinnen, die noch auf der Suche nach einer Erbse sind und den Freunden, die immer wieder da sind, um die Diven aus dem Schlamassel ziehen. Hat Selma etwas gelernt am Ende der Geschichte? Ist sie selbst genügsam geworden? Akzeptiert sie sich, wie sie ist? Hat sie gemerkt, dass es da jemanden gibt, der sie liebt?

So, wie sie auf dem letzten Bild vor sich hin schaut und Hugo Willumsen eben nicht zur Kenntnis nimmt, kann man das wohl verneinen. Kein „Happy End“ also.

Dann müssen wir noch über den Namen nachdenken.
Khnopff mit h und zwei f ist ein nicht gerade alltäglicher Name. Der Belgier Fernand Khnopff ist zumindest in Fachkreisen bekannt als Maler, Symbolist, der imaginative Welten erschaffen konnte, zwitterhafte Wesen zeichnete und rätselhafte Frauen wie die ertrunkene Ophelia. Unter diesem Gesichtspunkt erscheint unsere Selma noch rätselhafter, ist doch eine Schnecke per se schon einmal ein Zwitter, passt ein Hirschkäfer nicht wirklich zu einer Schnecke, wenn er sie auch noch so oft gerettet haben mag. Manche Menschen, Verzeihung, Schnecken, haben so eine Sehnsucht im Blick, dass man versucht ist, ihr immer wieder eine Hilfe anzubieten.