Hans Christian Andersen (Text) & Melanie Kemmler (Bilder):
Die Prinzessin auf der Erbse.

Aus dem Dänischen von Eva-Maria Blühm.
Berlin: Aufbau 2005.

ISBN 3-351-04064-4.
32 Seiten.
15,00  €.

Ab 04 Jahre.

 

 

2005 ist (u.a.) das H.-C.-Andersen-Jahr. Seine Märchen sind unter heutigen pädagogischen Gesichtspunkten nicht immer empfehlenswert. Man betrachte nur die Botschaften, die dieses Märchen transportiert. Aber kennen muss man es dennoch.

Erbse gegen 20 Matratzen

Das Märchen ist schnell erzählt: Der Prinz sucht eine ECHTE Prinzessin. Diese erweist sich durch extreme Empfindlichkeit (sie schläft SEHR schlecht, obwohl 20 Matratzen und 20 Eiderdaunenbetten zwischen den beiden sind) als echt. Also nimmt er sie zur Frau und alle sind glücklich.
Ja, wer sucht denn da? Ja, wer bietet sich denn da an? Was ist denn positiv daran, dass man so empfindlich ist? Was sagt den die Prinzessin dazu, dass er sie zur Frau nimmt? Sehnen wir uns vielleicht danach, auch so zu sein? Was sind denn Prinzessinnen in unserer Zeit, was bedeutet (außerhalb der Yellow Press) ein Königshaus? Würden wir denn etwas vermissen, wenn wir auch diese Geschichte nicht mehr hätten?
Ja, zum Beispiel die vielen Bilder, die dieses Märchen begleiten.

Hier stellt Melanie Kemmler die Menschen wie Figuren in fast leere Räume, die jedoch alle ein oder mehrere Fenster haben, einige sind nur durch den Lichteinfall erkennbar, andere geben vor, groß formatige Bilder zu sein. Die einzige Bewegung bringt ein Gewitter, das die Illustratorin in die Räumlichkeiten verlegt. Ein wehender Fenstervorhang unterstützt den Sturm mit den schwarzen Regenwolken.
Alle Beteiligten tragen je eine goldene Krone, so eine, wie man sie sich aus Goldpapier selbst herstellen kann. Und die junge Prinzessin, die vom Regen überrascht wurde, steht mit leicht stöckerigen Beinen aber ansonsten wie Botticellis Venus bei deren Geburt in der weit geöffneten Tür. Anstatt auf einer Muschelschale steht sie in einer Regenpfütze. Und den Hintergrund werden wir auf dem letzten Bild wieder finden (Hommage an René Magritte).
Merkwürdigerweise hinterfragt die Prinzessin nicht, dass sie auf so vielen Matratzen und Daunenbetten hoch oben sehr unstabil schlafen muss – und die Illustratorin zeichnet, wie das Bett am Morgen empfunden wird: Ein schroffes hartes Felsgebirge.

Eine Reihe von Merkwürdigkeiten wären zu klären, zum Beispiel: die Zuordnung der Hunde zu dem Königspaar; die Muster des Königsmantels; der rote Kreis auf der Königin-Krone; die Bedeutung des blühenden Kastanienbaums mit den stehenden Dolden;

die ungerechte Aufteilung an Stummen Dienern (Prinz drei, Prinzessin ein); die Positionierung der gelben Prinzessinnenschuhe auf dem vorletzten Bild.
Auf dem letzten Bild dann noch einige Hinweise auf andere Künstler: Da Vinci, Dürer, Magritte und – schön versteckt – Edward Hopper.

Ein schönes Bilderbuch, in dem es bestimmt noch viel mehr zu entdecken gibt. Insofern kommen wir zum Beginn zurück. Die Käufer von Bilderbüchern sind nicht (unbedingt) die Leser von Bilderbüchern. Die edle Aufmachung des Buches kommt hinzu – und es wird eine Verbreitung finden, die es verdient. Allerdings anders.