Peter Schössow:
Gehört das so??! Die Geschichte von Elvis.

München: Hanser 2005.

ISBN 3-446-20563-2.
40 Seiten.
14,90  €.

Ab 03 Jahre.

 

 

Das kleine Mädchen zieht die große rote Handtasche hinter sich her und ist absolut griesgrämig. Zwischendurch bleibt sie stehen und schreit ihre Umgebung an. Die reagiert zunächst verstört, bis klar wird, dass das kleine Mädchen einen echten Grund hat. Ihr gelber Vogel ist gestorben.

Elvis ist tot

Huuuh, was für ein Bild, als das Mädchen die Handtasche weit öffnet und darin tot der kleine gelbe Vogel liegt. Ein einziges Elend sind Mädchen, Tasche und Vogel in dem luftig beschatteten Rasen des Parks. Ganz allein steht sie dort und es ist in diesem Moment klar, dass nie wieder dieses Gesicht eine Regung von Freude finden wird.
Bis es so weit ist, stolpern wir Zuschauer allerdings genau wie die Parkbesucher ahnungslos hinter dem Mädchen her und erleben ihr lautes Wehklagen an drei Stellen des Parks. „Gehört das so??!“ schreit sie den Menschen zu, die auf dem Sommerrasen lagen, die mit ihren Booten auf dem See rudern oder paddeln, die sich zu einer Grillparty getroffen haben. – Eine merkwürdige Frage, die weder auf den Grund für den Tod zielt noch auf dessen Ungerechtigkeit. Die Gruppe, an der sie zunächst vorbei geht, schlurft, zieht, ist ebenso merkwürdig zusammengesetzt. Sechs Wesen sind es: Eine lange und schlanke Frau, ein dicker Mann mit einem Gamsbarthut, eine Karikatur von ihm in klein, ein Hund, eine Libelle und ein Teddy-Bar. Obwohl sie im Text angesprochen werden, finden sie zunächst wenig Beachtung. Zu merkwürdig ist das Verhalten des Mädchens. Zunächst ist der mit der feinsten Nase vorneweg (der Hund), dann der, der am wenigsten auffällt (die Libelle), dann die Karikatur mit dem Koffer.
Jeweils im Hintergrund findet das Parkleben an einem warmen Sommertag inmitten einer Großstadt statt: Dort reitet jemand, man picknickt, liegt und schaut in den Himmel, fährt mit dem Rad herum oder trägt seinen Liegestuhl von hier nach da.

Plötzlich stehen sie sich gegenüber, die sechs und das Mädchen. Und die Lange fragt einfach, was los ist und das Mädchen antwortet, schreit, brüllt, dass Elvis tot sei – was bei den anderen Staunen erzeugt, denn das wussten sie längst. Der King ist tot. Klar, auch wenn manche Graceland-Besucher davon nicht überzeugt sind. Die hier wissen das. Aber sie wussten bis jetzt nicht, dass der gelbe Vogel des Mädchen Elvis hieß. Und dann kommt das oben beschriebene Bild mit allem Schmerz dieser Welt. Alle sind betroffen, einer denkt praktisch: „Eine Erdbestattung.“!
Und die gerät dann so gut und die Vorstellung, dass Elvis dort oben Elvis treffen wird, ist so grandios, dass alles schon gar nicht mehr gar so schlimm ist. Man nimmt sich in die Arme und malt sich die Szenerie aus, und die ist so, dass niemand ein verschmitztes Lachen verhindern kann.

Das Leben geht eben weiter: „Schön war’s.“ sind die letzten Worte im letzten Bild. Da verabschieden sich fünf von einer und der Hund noch einmal von Elvis.

Das Format des Buches ist (wieder) quer, die Bilder beanspruchen zumeist eine Doppelseite. Die kurzen Texte sind in die Bilder eingebaut, selten beanspruchen sie einen Raum außerhalb, nur einmal gar eine ganze Seite.
Die „Personen“ agieren derart selbstverständlich und sind doch jede für sich ausgesprochen skurril, dass man sich zwischendurch nur mal kurz fragt, was zum Beispiel die sechs Freunde zusammengeschweißt haben mag oder welche gemeinsame Geschichte sie ihr Eigen nennen. Sie sind uns in ihrer Selbstverständlichkeit sehr sympathisch, obwohl sie ausgesprochen gesichtslos sind. Sie sind fast wie Bauklötze, selbst das Jojo will nicht fallen. Jeder ein ganz eigener Typ, aber niemand beansprucht das Adjektiv „besonders“ für sich. Jeder für sich ist eher der Unauffällige, der auch dann nicht weiß, dass er etwas Besonderes machte, wenn er es denn zufälligerweise tat.

Diese sechs Wesen machen das, was gerade die erwachsenen Vorleser stutzig machen. Ja, sie haben dem Mädchen in ihrem Schmerz geholfen, aber WIE ist das abgelaufen? Woher kommen sie, was tun sie dort, warum kümmern sie sich auf diese stoische Art, nehmen das Mädchen wahr und ihren Schmerz und begleiten ihn und sie einfach so? Sie haben davon keinen Vorteil, jeder spielt (s)eine Rolle beim Begräbnis selbst (vom Weihrauch bis zum Blumenschmuck), stehen bei der Begräbnis-Zeremonie sogar ein wenig abseits, denn die Hauptperson ist das Mädchen. Der leihen sie anschießend auch noch ihre Schultern und Ohren. Und alle sind zusammengewachsen in dieser kurzen Zeit.
Nein, sie werden sich nicht wieder treffen. Die Situation ist einmalig. Auch das ist (schwer) zu akzeptieren.

Das Buch für jemanden zu empfehlen, der einen Todes-Verlust zu beklagen hat, wäre viel zu plakativ. Wir haben es zu tun mit tiefen Empfindungen, die wir in sozusagen Unbeteiligten wieder finden können – so wie wir es mit den Helden in der Schwarzen Serie um Humphrey Bogart machten. Wir haben es zu tun mit Aufmerksamkeit, Neugier, Aufnehmen und mit selbstverständlicher Hilfe, die so gar keines Dankes bedarf. Wenn man sie fragte, antworteten sie vielleicht: Ich war sehr zufällig hier, du musst mir nicht danken. Vielleicht danke ich irgendwann später dem Zufall, dass ich dabei sein durfte. Mal sehen.

Nach „Meeres Stille ...“ ein weiterer großer Wurf von Peter Schössow.

 

Für den LesePeter der AJuM der GEW für den Monat August 2005 vorgeschlagen.