Maranke Rinck & Martijn van der Linden
Das Prinzenkind.

Aus dem Niederländischen von Dorothee Haentjes.
München: cbj bei Random House 2005.

ISBN 3-507-12928-4.
32 Seiten.
12,90  €.

Ab 05 Jahre.

 

 

 

Ein großes Ereignis steht bevor, und viele Tiere machen sich auf den Weg, dem Prinzen ein Geschenk darzubieten. Eine ungewöhnliche Aufmachung mit ebensolchen Bildern, eine gelungene Erzählweise und eine gelungene Pointe, die sich – und das ist erstaunlich – auch beim mehrmaligen Lesen nicht abnutzt.

Euch ist ein Prinz geboren

Zuerst von den Bildern. Es handelt sich um Fotos, die die ganze Doppelseite bedecken. Der Hintergrund ist verschwommen, als hätte man nahe Objekte mit dem Teleobjektiv fotografiert. Und über allem ist der geniale Strich von Martijn van der Linden. Er verfremdet die Tiere, gibt ihnen exotischen Schmuck, Tatoos, Bemalungen, schmiegt Tücher um den Hals, als Kopfbedeckung, malt Glöckchen um Bänder und Federn, Muscheln, Ohrringe und Ringe an Schnäbel, Hälse, Pfoten, flicht kleine Gegenstände in das Fell, malt Kajal um die Augen oder mit dickem Ölpinselstrich um die Augen. Man kann sich kaum satt sehen an den Bildern, die die Fotos wohl zu nutzen wissen, aus ihnen aber kleine Meisterwerke machen.
Wir haben es mit zwölf Doppelseiten zu tun, wobei die Buchinnenseiten wie der Schmutztitel durchaus Teil der Geschichte sind. Die beginnt mit dem Ort des Ereignisses, das bald hier stattfinden wird: Ein Teich, fast Tümpel, in dem sich der hellblaue Himmel spiegelt und einige weiße Wolken. Die Umgebung ist unscharf mit viel Grün und Braun, vielleicht eine Heide-Landschaft. „Bald werden alle Tiere zusammentreffen. Doch zunächst…“ verheißt der integrierte Text, zunächst machen sich elf sehr unterschiedliche Tiere auf den Weg:
Reiher, Schneekatze, hellgrüne Eidechse, Kranich, kleine Wüstenmaus mit unerschütterlichem Glauben an sich selbst, Marabu, Biber, Äffin (hier sehr ungewöhnlich, die weibliche Form zu wählen), der Marder mit den Meisen, die Hyäne in der Bemalung der nordafrikanischen Wüstenfrauen und einem Hut der zentralafrikanischen Medizinmänner kommen an den beschriebenen See. Alle bringen etwas mit: Gedichte, Lieder, Erdnusskette, Kranz aus Gänseblümchen (mehr für sich selbst, denn die große Äffin macht sich Hoffnungen auf eine Liaison mit der Person der Begierde) und so weiter.

Für wen sind sie unterwegs? Ist es eine Art Heiland, den sie lobpreisen wollen? Ist es eine Art von Dornröschen? Der Marder dichtet: „O wie Olive, so wie sie ist, / bist du so grün und klein. / Doch wenn du einmal König bist, / wirst du mächtig und prächtig sein.“
Das Prinzenkind im letzten Bild sitzt vor der breiten Kulisse der unscharf am Ufer sitzenden Tiere. Es sind noch viel mehr als die, die im Lauf der Geschichte vorgestellt wurden. Die Person selbst nimmt die Geschenke gerne an, jedoch ist sie zugleich enttäuscht, denn er ist nicht dabei der Kuss. Der liebevolle „Kuss von einem lieblichen Mädchen. Vielleicht später, denkt das Prinzenkind…“

Ein tolles Schlussbild, das uns nicht nur ein Lächeln entlockt (wir kennen ja unsere Märchen), sondern auch eine Ahnung, wie es weitergegangen sein könnte, bis die Märchen-Situation endlich eintritt.
Fazit: Eine tolle Grundidee. Eine klasse Umsetzung in der Erzählung. Eine wunderschöne Umsetzung in den gestalteten Fotos.