Tony Kushner & Maurice Sendak:
Brundibar.

Nach der Oper von Hans Krása und Adolf Hoffmeister
Aus dem Englischen von Mirjam Pressler.

Hildesheim: Gerstenberg 2004.

ISBN 3-8067-5073-4.
56 Seiten.
18,00  €.

Ab 06 Jahre.

 

 

 

Sendak war noch nie leicht für Erwachsene. Man denke nur an die „Wilden Kerle“ – und an den Erfolg des Buches. Hier nun illustriert er den Text einer Oper, die 1942 im KZ Theresienstadt entstand. Kann das gut gehen?

 Ein Tyrann geht, ein Tyrann kommt – oder nicht?

Das geht gut. Jedes Alter wird allerdings etwas anderes in diesem Buch sehen, und allein schon die Länge des „Bilderbuchs“ spricht nur für Kinder mit entsprechender Ausdauer.
Während zur Zeit der Entstehung der Oper jeder etwas mit der Figur des Brundibar anfangen konnte, müssen wir uns hier auf die geschichts-bewussten Erwachsenen verlassen. Wenn die mögen, können sie bei dieser Gelegenheit etwas aus der schlimmern Zeit erzählen, vielleicht gibt es auch noch Zeitzeugen in der Familie.

Worum geht es? Mama ist krank, die Kinder werden vom Arzt in die Stadt geschickt, um Milch zu holen. Dort aber erwartet Pepicek und Aninka eine fremde und „kalte“ Welt. Jeder kümmert sich nur um Konsum oder um sich selbst, schart sich um die Mächtigen und Einflussreichen. „Kein Geld – keine Milch“ ist die Devise. Und am größten Platz steht Brundibar, ein Mensch mit Leierkasten, Uniform und einer Aura, der man besser nicht zu Nahe kommt. Dennoch – oder gerade deswegen – bekommt er Applaus von den Erwachsenen. Die Obrigkeit schützt den Brundibar, der in seinen Liedern deutlich sagt, was er von der „Unschuld“, von den Kindern hält: „Ich hasse Kinder, diese Plagen / Wanzen sollten sie zernagen.“ Und: „Hoffentlich ist euch jetzt klar / hier herrsche ich nur, Brundibar“.
Aber die Kinder finden Hilfe, Leidensgenossen, die eben nicht kuschen, sich ducken, die sich in ihren Verstecken zusammenfinden, solidarisieren, Katze, Hund und Vogel und ganz, ganz viele Kinder. Dreihundert sollen es sein. Das beeindruckt auch die Erwachsenen, die eine Gegenkraft spüren. Brundibar wird vertrieben von der Solidargemeinschaft. Sie jubelt. Alles ist nun gut!
Im Anhang aber steht, warum wir dies Buch, diesen Inhalt auch heute nicht vergessen dürfen. Auf einer Eintrittskarte zur Oper-Aufführung 1942 hat Sendak geschrieben: „Nichts klappt so, wie man das will, / Tyrannen halten niemals still. / Einer verschwindet, der nächste erscheint …“

Da sei nicht zuletzt dies Buch vor.

 

Wie nun zeichnet, malt Sendak? Wir können nur aus der Welt der Erwachsenen schauen und auch nicht die eigene Sozialisation verleugnen. Also fällt auf, dass das Buch sofort beginnt, bevor das ganze Formale abgearbeitet ist. Die beiden Kinder stellen sich vor, eiligen Schritts, über ihnen ein schwarzer Vogel mit gespreiztem Gefieder, dennoch eher (Unglücks-) Rabe als Adler. Erst fünf Seiten und einige Bilder und Texte weiter beginnt das Buch so, wie man es ansonsten gewohnt ist. Dabei hat man schon entdeckt, dass ein Judenstern auf dem Mantel des Arztes genäht ist. Das war Pflicht seit 1941 im damaligen Deutschen Reich.
Die Schrift in ausschließlich Großbuchstaben ist unterschiedlich gedruckt – fett, wenn sie kommentiert, dünn und in Sprechblasen, wenn sie in den Sprechblasen steht. Für drei linke Seiten beansprucht sie den ganzen Platz, ansonsten begleiten sie die Bilder.
Die Menschen sind karikaturhaft überhöht, der Hund der reichen Dame darf ein Halsband aus Geldscheinen tragen, der fliegende Milch-Händler trägt rings um seinen Körper Gestelle mit Milchflaschen und Milcherzeugnissen, während die Kinder im Hintergrund bittend über den Lattenzaun schauen, auf den jemand „
śkola“ geschrieben hat.
Extrem der „Brundibar“, dessen Namensherkunft nicht erklärt wird (das Internet gibt nur Hinweise auf Burundi, der afrikanischen Gegend, in der Tutsi und Hutu sich seit langem üble Völkermord-Aktionen leisten). Diese Figur trägt einen Zweispitz mit Federn und Kokarde, eine braune Fantasie-Jacke mit goldenen Epauletten und diversen Orden, pludrige Hosen und braune Stiefel mit Damen-Absatz. Seine Hände versteckt er in Handschuhen, sein Oberlippenbart spreizt sich, wenn er seinen gehässigen Text auf den Platz singt. Weil er niemandes bedarf, scharen sich die Menschen um ihn. Er ist der geborene (Ver-) Führer, den in Krisensituationen die Ordnungsmacht beisteht („Bären“ – die Kinder werden zu Bestien – „auf diesem Platz sind verboten! So ist es Gesetz!“)
Brundibar erhält einen Affen, denn ein Tyrann braucht unmittelbare Helfer. Dieser trägt Pickelhaube und rote Uniform, greift stark die Umgebung an, wenn Brundibar stark ist, versteckt sich bei diesem bei Gefahr.

Die Phase der Solidarität kommt unvermittelt und nicht mehr erwartet. Es sind die Ausgestoßenen, die sich finden. Es ist die tiefe Wut und Verzweiflung und ein sanftes Wiegenlied (auf einer Doppelseite als Nur-Text auf fast marmoriertem Hintergrund abgedruckt), dass aus den beiden Kindern gefährliche Bären werden, die letztlich den Brundibar vertreiben.

Ein gutes und versöhnliches Ende, wenn denn doch die Solidarität der Unterdrückten siegt, wenn Sendak / Kushner nicht doch noch die Hintertür öffnen würden, um dem Happy End die Süßlichkeit zu nehmen.

Pass auf! Er kann zurückkommen! Damals? „Wir rannten weg, was hättest du getan? Wir hatten Angst!“ Heute passen wir auf, dass Brundibar nicht mehr den Marktplatz betritt.

 

Passen wir auf?

 

 

Das Buch hat den LesePeter der AJuM für den Monat April 2005 erhalten.