Barbara Kindermann nach Gottfried Keller (Text) & Sybille Hein (Bilder):
Kleider machen Leute.

Berlin: Kindermann 2004.

ISBN 3-934029-17-5.
32 Seiten.
15,50  €.

Ab 12 Jahre.

 

 

Wenzel Strapinski, ein Schneidergeselle aus Seldwyla, gerät in eine Situation, die er nicht im Griff hat. Alle Welt in Goldach glaubt, er sei ein gar nobler Graf – und hofiert ihn also.

Seldwyla ist auch hier

Mehrfach versucht der arme Schneider, zwar nicht das Missverständnis aufzuklären, aber immerhin sich aus Goldach zu entfernen. Letztlich entscheidet aber die Liebe, dass er zurückkehrt: Nettchen ist es, die Tochter vom Amtsrat, an die er sein Herz verlor. Zu allem Glück gewinnt er auch noch bei diversen Spielen um Geld, so dass er niemandem auf der Tasche liegen muss. Aber alles nützt nichts: Sein Stand ist auf falscher Deutung und ein bisschen auch auf Lug und Trug aufgebaut, denn nie klärt Wenzel das Missverständnis auf.
So kommt es, dass ausgerechnet auf der Hochzeitsfeier der Schwindel auffliegt.
Das gute Ende fehlt aber nicht, denn zwei sich liebende Herzen (der im Grunde sehr ehrliche Schneidergeselle und die „hochgeborene“ Tochter mit dem Herzen am rechten Fleck) finden immer einen Weg.

Barbara Kindermann schreibt wieder sehr verständlich, nimmt Original-Zitate in ihren Erzählfluss mit auf, so dass auch die, die Kellers Novelle nie lasen, einen Eindruck gewinnen können von seiner Wort- und Syntaxwahl. Dabei sind die Einwürfe nie aufdringlich, fallen lediglich aus dem Rahmen durch die Kursiv-Setzung (wer es nicht gemerkt hat: Lob für die Autorin!).

Das Buch hat im Anspruch jedoch noch mehr, es will auch ein Bilder-Buch sein. Es ist auch ein Bilderbuch. Sybille Hein orientiert sich nicht an anderen Ausgaben der „Weltliteratur für Kinder“, sie zeichnet und malt auf ihre Weise. Die Menschen haben alle viel zu kleine Füße, der Hund, der Wenzel begleitet, ist lachhaft mit seinem Nadelkissen auf dem Rücken, die Gesichter sind karikaturhaft mit ihren spitzen oder hervorspringenden Kinnformen, korrekte Perspektiven werden ebenso vermieden wie Bild-Rahmen.
Die Figuren haben Bleistift-Umrisse (sehr verpönt bei Kunsterziehern in der Schule), die farbig mehr oder weniger sorgfältig ausgemalt scheinen, sodann mehrfach ausgeschnitten und aufgeklebt sind. Und dann gibt es noch diese vielen Hinweise mit den Zahlen, die in viele Bilder eingearbeitet sind: No. 23 – 120 – 11 und 11 (beim Kartenspiel – eine ganze Reihe von witzigen Nebensächlichkeiten!) und 1a – Nr. 67 und 13 und 64 und 1 und 2. – und so geht es noch eine ganze Reihe weiter.
Vielleicht gibt auch das einen Sinn, vielleicht auch nicht. Vielleicht machen nicht nur Kleider Leute, vielleicht verursachen auch Zahlen eine Sinnsuche.

Ein schönes Buch, wohl gelungen.