Dirk Steinhöfel:
Die Kinder im Wind

Stuttgart: Thienemann 2013

www.thienemann.de

ISBN 978-3-522-20190-2
224 S * 39,95 € * ab 03 J.

 

 

 

 

Die fotorealistischen Computerbilder mit den traumhaften Verfremdungen kommen fast ohne Text aus. Sie erzählen auf über 200 Seiten vier Kindheiten, die viel Raum lassen für eigene Assoziationen, aber auch für Dankbarkeit, dass das eigene Aufwachsen deutlicher und klarer war. Meistens. Das Buch ist weder «einfach» zu verstehen noch für kleine(re) Kinder gedacht. Für Jugendliche ab 12 und Erwachsene jedoch sehr zu empfehlen.

Virtuelle Realität in Traumbildern

Wie er es schon in «Jakob und der große Wagen» (Oetinger, 2012) zeigte, hat Dirk Steinhöfel einen ganz eigenen Weg gefunden, Geschichten in Bildern zu erzählen und dabei möglichst wenig Text zu benutzen. In einem aufwendigen Prozess am Computer komponiert er seine Bilder, indem er zunächst Einzelteile mit einem 3-D-Programm erschafft, sie dann zusammenfügt und auf die Fläche, die Ebene bringt, in ein Foto zwängt, das er wiederum auf eine gestaltete Seite einfügt, allein oder zusammen mit anderen Fotos. Die hinzugefügten Accessoires unterstreichen das Traumhafte der Bilder, die zugleich so realistisch erscheinen, wie es gute Fotos machen können – die ja auch nur ein Abbild der Wirklichkeit sind, jedenfalls die, die wir mit den Augen wahrnehmen.

Man merkt: ein vielschichtiges Buch, das keinen einfachen Zugang gibt. Das beginnt bereits beim Titelbild des Umschlags, auf dem wir eine alte Dampf-Lokomotive auf einer dunklen Steinbrücke sehen. Ihre beiden Lichter sind fast rot glühend und deuten vielleicht auf das Feuer hin, das eine gewisse (reinigende?) Wirkung haben wird. Andererseits ist es die gleiche Farbe wie der Blutstropfen, der von dem merkwürdigen Messinstrument mit der 100er-Skala rinnt. Fünf fliegende weiße Gänse begleiten den Zug und verkörpern das Element „Luft“. Zwischen den Säulen der Brücke gischt Wasser herein, und der Junge mit dem grauen Mantel und der grauen Mütze steht auf einem felsigen Grund und schaut nach oben. Nein, ihm scheint es nicht gut gegangen zu sein in seinem bisherigen Leben, aber er wird sich nicht unterkriegen lassen, sein Blick ist gerade und seine Mundwinkel sind nicht nach unten gekrümmt.

So wie die vier klassischen Elemente so werden auch Geschichten von drei Kindern und einem Geschwisterpaar erzählt, und die genannten Winde der Geschichten kommen aus den vier Himmelsrichtungen. Am Ende der über 200 Seiten sehen wir ein fast ähnliches Bild wie auf dem Titelbild, jedoch fehlt das Eisenbahn-Ungeheuer und der Junge ist nicht mehr allein. Und auf der Tafel steht: «Denn jedem Sturm folgt auch ein milder Wind.» Das ist insofern bedeutsam, da Steinhöfel in einem vom Verlag veröffentlichten Interview darauf hindeutet, dass die Geschichte durchaus persönliche Züge trägt: «Richtig schlimm war immer nur die Angst. An Schläge gewöhnt man sich. Aber die Angst vor nicht berechenbaren Situationen bleibt.» Aber, so möchte man hinzufügen, der Wind wird milder.

Es wird weder geradlinig erzählt, noch sind immer alle Personen leicht zuzuordnen, auch wenn Steinhöfel sie mit einigen wiederkehrenden Attributen versieht. Der Autor fordert vom «Leser» Einiges. In dem o. g. Interview meint er, dass hinter Bilderbüchern für «den breiten Geschmack» oft der «Wunsch nach Erfolg und finanzieller Sicherheit» stecke. Wir sehen, dass dies nicht sein Anliegen für dieses Buch war.

 

Bleibt noch der Preis für das Buch. Selbstverständlich ist es die knapp 40 Euro wert, mit ziemlicher Sicherheit werden sie eben die Kosten decken. Konventionelle Bilderbücher mit 28 Seiten sind mit 13 Euro deutlich preiswerter zu erstehen.

Aber manchmal muss man auch unvernünftig sein, auch als Verlag. Vor allem dann, wenn einen entweder das Thema oder die Art der Darstellung gepackt hat. Wie hier.

 

 

 

 

 

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en