Renate Raecke & Jonas Lauströer:
Von dem Fischer und seiner Frau

nach einem Märchen von Philipp Otto Runge
Bargteheide: Minedition 2013

www.minedition.com

ISBN 978-3-86566-172-2
48 S * 16,95 € * ab 03 J

 

 

 

 

Aufgeschrieben hat es Philipp Otto Runge, in ihre Sammlung aufgenommen haben es die Brüder Grimm: das moralische Märchen von der Frau des Fischers, die mehr will, immer mehr. Am Ende hat sie »überreizt« - und wir bedauern den armen Fischer. Jonas Laustöer hat Bilder gefunden, die sehr aktuell zu der über 200 Jahre alten Geschichte passen.

Mehr, mehr!

Renate Raecke hat den Text überarbeitet, ohne ihm die Dramatik zu nehmen. Der nicht mehr junge Fischer fängt einen Butt, einen verzauberten Prinzen mit magischen Kräften. Die Frau des Fischers sieht eine Gelegenheit, ihren Besitz zu vermehren. Der Fisch kommt diesen Wünschen, die mehr und mehr zu Forderungen werden, jedes Mal nach. So wird zunächst der Wohnraum verändert (bei Runge / Grimm wohnten die Fischers zu Beginn in einem Topf, hier auf einem alten Kutter), dann will die Frau aber König werden, dann Kaiser, danach Papst und schließlich Gott.
Wahrscheinlich bedauern wir den Fischer und seine Rolle, doch es kommen Zweifel auf, ob er nicht seine Hände »in Unschuld waschen« will. Er hätte jederzeit »Nein!« sagen können, aber er ruft den Fisch mit immer dem gleichen Vierzeiler, der – wie im Original die ganze Geschichte – in Plattdeutsch gedruckt ist: »Manntje, Manntje, Timpe Te, / Buttje, Buttje in der See, / myne Fru, die Ilsebill, / will nich so, as ik wol will.« Er überbringt die Botschaft und kehrt zu seiner Frau zurück, die in der Hierarchie der wichtigen Personen dieser Welt aufsteigt.

Die Dramatik in der Geschichte entsteht aber nicht nur dadurch, sondern auch durch die Beschreibung des Wassers. Zunächst ist das Meer ruhig und blau. Nach dem Fang des Butts gibt es eine blutrote Spur, die der vom Angelhaken befreite riesige Fisch hinterlässt. Und von Mal zu Mal wird das Meer schrecklicher, zunächst trüb, grün und gelb, dann violett, dunkelblau und bleigrau, schließlich ist der Himmel pechschwarz und die »See türmt[...] schwarze Wellen auf«.

Nun endlich zu den Bildern, die von der gemütlichen blau-weißen Küste des Nordens mit dem spärlichen Strandhafer und dem plumpen Fischerboot, das halb auf das Ufer gezogen ist, einen stetigen Weg geht bis zu einer wilden Seite, einem schwarz überkritzelten Bild, das sogar den Plastikmüll und das radioaktive Fass überdecken und den Mann mit dem Schutzanzug und der Atemmaske.

Lauströer hat mit seinen Bildern einen höchst politischen Beitrag in ein Märchen gebracht. Oft geschehen Änderungen in Zentimetern, und erst wenn wir zurückschauen, stellen wir fest, wie weit die Entwicklung fortschritt, wie weit wir uns entfernten von der »heilen Welt«, die zwar ärmlich ist, aber rechtschaffen.

Gier ist eine der sieben Todsünden.

 

 

 

 

 

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en