Mark Long & Jim Demonakos, Nate Powell:
Das Schweigen unserer Freunde

Aus dem Englischen von Ulrike Marotz
Köln: Egmont 2013

www.egmont-grafic-novel.de

ISBN 978-3-7704-3729-0
214 S * 14,99 € * ab 12 J

 

 

 

 

Wir befinden uns in der zweiten Hälfte der 1960er-Jahren in Texas. Der weiße Fernsehreporter Jack Long will im Schwarzenviertel von Houston längs der Wheeler Avenue eine Reportage machen und lernt den farbigen Dozenten Larry Thomas kennen – eine Freundschaft entsteht, die viel später erst beim «TSU Five»-Prozess wichtig wird. Die Graphic Novel benötigt einiges Vor-Verständnis und ist nicht leicht nur anhand der Bilder und des knappen Textes nachvollziehbar.

Am Ende werden wir uns nicht an die Worte unserer Feinde erinnern, sondern an das Schweigen unserer Freunde

«Am Ende werden wir uns nicht an die Worte unserer Feinde erinnern, sondern an das Schweigen unserer Freunde.» ist ein Zitat von Dr. Martin Luther King. Mit der Nachricht von dessen Ermordung endet die Graphic Novel.
Sie lässt eine Zeit auferstehen, als nicht nur im Süden der USA die «Segregation», die «Trennung der Rassen» propagiert wurde: Die einen wohnen hier und kaufen hier ein, die anderen machen das dort. Bei der Arbeit ist es ähnlich. Die einen sitzen vorn im Bus, die anderen hinten.
Das klingt unter Umständen vernünftig? Nicht nur, dass der erste Satz der US-amerikanischen Verfassung etwas ganz anderes sagt, die Trennungs-Idee geht auch davon aus, dass die einen den anderen in allen Belangen «schon von Natur aus» überlegen seien. Da auch die Justiz auf der Seite der Weißen war, war man als Farbiger grundsätzlich erst einmal schuldig. Bei dem großen Sit-In auf der Wheeler Avenue wird denn auch geschossen und jemand tödlich getroffen – beides allerdings von Polizisten. Angeklagt werden jedoch gewaltfreie Demonstranten des SNCC.

Neben der Geschichte wird die Bedeutung von Religion und von Liedern angedeutet, die sowohl zur Selbstachtung aufriefen als auch zur Solidarität, von «Hold your eyes on the prize» und «We shall overcome» bis zur Soulmusic von zum Beispiel Sam & Dave.
Als Zeitkolorit nehmen wir teil am Weltraumprogramm im Rennen zum Mond, erleben Rodeo im Gefängnis, das Leben der kleinen blinden Julie, der Beginn der Freundschaft der beiden Männer, die sich in die Familien fortsetzt.

 

Der Autor Mark Long berichtet im Anhang, dass ein Großteil der Geschichte auf eigenem Erleben beruht (er ist der Sohn des Reporters), und der Zeichner Nate Powell zeigt dort einige seiner nicht verwendeten Demo-Illustrationen. Diese sind seitengroß und qualitativ erheblich besser als die meisten der schwarz-weißen Bilder in der Geschichte. Er gibt seinen Personen leider keine deutlichen Attribute, die eine Zuordnung leichter machen würde, und er kann auch graphisch den sehr schleppenden Beginn nicht forcieren. So wird fast das gesamte erste Drittel erst in der Rückschau stimmig – ein Zutrauen zur Langmut der Leser, denen die geschilderte Zeit, wenn überhaupt, nur aus Erzählungen oder der Literatur bekannt sein dürfte, die die Lieder nicht kennen und nicht wissen, was es mit den Kindern auf sich hat, die zunächst im Mittelpunkt stehen.

 

Das Thema allerdings reizt zur weiteren Informationssuche, das Glossar und der Anhang machen die Leser noch neugieriger. Der ungewöhnliche Titel verweist auf das Leben (und Sterben) von Dr. Martin Luther King hin. Vielleicht sucht man im Anschluss an diese Lektüre nach seiner berühmten «I have a dream»-Rede, die man im Internet sowohl als Text als auch als Film leicht findet.

Anliegen und Spannung müssen sich nicht ausschließen, etwas mehr vom zweiten wäre wünschenswert.

 

 

 

 

 

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en