Benjamin Lacombe nach Olivia Ruiz:
Swinging Christmas

Aus dem Französischen von Edmund Jacoby
Berlin: Jacoby & Stuart 2013

www.jacobystuart.de

ISBN 978-3-942787-05-5
40 S * 29,95 € * ab 05 J

 

 

 

 

Wer die Hauptperson in diesem mit viel Liebe ausgestattetem Buch ist, ist auch am Ende nicht deutlich. Wahrscheinlich ist es weder der junge Robin noch der riesige Einsiedler Bernard und auch nicht die Jazz-Sängerin, die sich Sol nannte; es ist wohl die Liebe zu den Büchern und die Liebe zum Jazz (der Billie Holiday oder später der Ella Fitzgerald), die uns ganz eigene und geheime Welten eröffnet. Für uns sind es zusätzlich aber auch die auffälligen und wunderbaren Illustrationen.

Vom Bild und von der Musik ins Herz

Höchst auffällig ist bereits das Titelbild. Wir sehen in Rot-Braun-Tönen eine fast magere Sängerin mit geöffnetem Mund vor einem (typischen US-amerikanischen) Mikrofon. Ihr Blick geht nicht ins Publikum, sie schaut in die Ferne, wo sie die Situation vermutet, von der sie singt. Bestimmt ist es Sehnsucht oder Tragik oder beides. Einige Scheinwerfer beleuchten ihr Gesicht, ihren Hals und lassen das Mikrofon glitzern. Die (fast) komplementärfarbig gehaltenen Handschuhe bedecken ihre schmalen Finger, die dem gesungenen Text gemäß etwas theatralisch nach oben gerichtet sind. Dann entdecken wir in der üppigen Blume in ihrem langen, dunkelbraunem Haar eine kleine männliche Figur, die es sich dort gemütlich gemacht hat.
Es ist Robin, wie wir gleich nach dem Öffnen feststellen werden. Robin ist knapp 10 Jahre alt, wird in seiner Schule auch «König der Streiche» genannt, und muss nun für seine Mutter einen Botengang zum verhexten, verzauberten Haus des Einsiedlers machen. Selbst die Tiere «trauten sich nicht in die Nähe des alten Gemäuers».
Und in der Tat: Das Haus mit seinen vielen Erkern, Balkonen, Terrassen und Türmen, das aus dem Nebel herauswächst und am Rand des Abgrunds steht, ist absolut und überhaupt nicht einladend. Doch dann hört Robin die Musik, und die wird sein weiteres Leben stark beeinflussen.

 

Das Buch ist nicht nur ein allgemeines Loblied auf die Kraft der Musik (und der Bücher), sie hebt ein zurzeit nicht gerade sehr populäres Genre in den Mittelpunkt der Geschichte, den Jazz, genauer: den gesungenen Jazz, noch genauer: den von Frauen gesungenen Jazz. Seine Sol ist verführerisch und einsam, singt sich die Seele aus dem Leib und beflügelt unsere Fantasie und Sehnsucht, lässt «Have yourself a merry little christmas» der jungen Judy Garland von 1943 wieder lebendig werden sowie einige andere «Standards» aus der Zeit, an die sich kaum ein heute Lebender noch direkt erinnern kann. Das ist Nostalgie, ja, aber die Jazzstücke haben es durchaus verdient, nicht in Vergessenheit zu geraten. Auch nicht im Bilderbuch.

Eine wunderbare Hommage an die Jazzmusik, in einer einfach und ein wenig rührseligen Geschichte im Bild sehr entsprechend dargestellt.

 

 

 

 

 

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en