Rafik Schami und Els Cools & Oliver Streich:
Der Schnabelsteher

Zürich: Nord-Süd 2013

www.nord-sued.com

ISBN 978-3-314-10165-6
28 S * 13,95 € * ab 03 J

 

 

 

 

Der kleine Rabe ist tagsüber auf sich allein gestellt und entwickelt nicht nur Durchhaltevermögen, sondern auch Neugier. Seine Mutter gibt ihm ihre Liebe und einen gehörigen Vertrauensvorschuss, den er verantwortungsvoll nutzt. Ein sehr sympathischer Kleiner, eine schöne Geschichte mit guter Moral und tolle Bilder.

Alleinerziehende Mutter und pfiffiges Kind

Den Vater hat der Adler geholt, also ist Mutter tagsüber «aus dem Haus» und der kleine Rabe, der noch nicht flügge ist, muss sich selbst vergnügen. Die anderen Rabeneltern auf dem Baum verbieten ihren Kindern den Kontakt zu ihm. Seine Freiheit, sein gefährliches Hüpfen auf den Zweigen und seine vielen Einfälle scheinen den anderen Kindern nachahmenswert zu sein. Uns fallen sofort Vergleiche zu alleinerziehenden Menschen-Müttern ein und deren Kinder, die unangepasst sind und nicht die althergebrachten Regeln beachten. Dabei sind sie vielleicht genau so liebenswert wie der kleine Rabe, der beim Balancieren immer mal wieder herunterfällt, sich zwar wehtut, aber sich auch wieder aufrappelt und es noch mal probiert und noch einmal und noch einmal. Irgendwann kann er es. Und er kann noch mehr: Sein Kopfstand, nein, sein Schnabelstand schafft allgemein Bewunderung bei den anderen Rabenkindern, die das sofort nachmachen wollen. Die Eltern – selbstverständlich – sind entsetzt und verbieten ihren eigenen Kindern die Versuche.

 

Es ist viel Text im Buch, wenn Rafik Schami erzählt, und wir haben hier erst den Anfang einigermaßen erfasst. Warum der kleine Rabe durch den gefährlichen Wald wandert, wie er der Schlange entkommt und was es mit dem eingebildeten «König der Vögel» auf sich hat, der von unserem kleinen Helden als doch nur lächerliche Gestalt entlarvt wird, muss man sich selbst vorlesen lassen (auch als  mp3, die man sich aus dem Internet herunterladen (lassen) kann). Man kann sie aber auch anhand der Bilder nachvollziehen.

Sie zeigen, wie fröhlich der kleine Rabe ist, obwohl seine Situation alles andere als rosig ist. Sein riesiger Schnabel scheint nicht zu ihm zu passen – wie die viel zu großen Füße von Kindern in einem bestimmten Entwicklungsalter –, aber das macht ihm nichts aus. Er ist mit sich selbst im Reinen, und seine Mutter liebt und unterstützt ihn in allem, was er tut.

So kommt es, dass wir nicht den herrlichen Pfau mit seinem wunderschönen farbigen Rad und der dreizackigen Krone bewundern, sondern den schwarzen Kleinen mit dem zu großen Schnabel. Und es gibt gar keinen pädagogischen Zeigefinger, die Moral kommt wie selbstverständlich zu uns.

 

 

 

 

 

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en