Sigrid Heuck & Bernhard Oberdieck:
Eulengespenst und Mäusespeck

Hildesheim: Gerstenberg 2013

www.gerstenberg-verlag.de

ISBN 978-3-8369-5751-9
28 S * 12,95 € * ab 03 J

 

 

 

 

Die kleine Geschichte aus alter Zeit über eine weiße Eule im Wanderzirkus hat verschiedene Dimensionen, denn sie ist nicht nur «niedlich» und nicht nur sehr «schön» illustriert. Es handelt sich um Eingesperrt-sein, Habgier, Dummheit, Naivität, Aberglaube, Freiheit – und die realistischen Bilder geben den nötigen Hintergrund.

Eule + Maus

Es ist wirklich schon ziemlich lange her, dass ein Wanderzirkus mit Pferd und Wagen unterwegs ist und d i e Attraktion in der Stadt wird, die bereitwillig den Marktplatz räumt für das Zelt und die wenigen exotischen Tiere. Im Mittelpunkt aber steht nicht der Elefant, das Kamel oder die Giraffe, sondern eine weiße Eule. Die ist offensichtlich seit ihrer Geburt in Gefangenschaft, hockt in einem engen Käfig und weiß nichts vom Fliegen über die weiten Felder und das Fangen von Mäusen. Das ist auch ganz gut so, denn sie wird in naher Zukunft mit einer Maus in Berührung kommen, die ihr vom freien Leben erzählt und an diesem teilhaben wird. Weiterhin kommen in der Geschichte vor: ein habgieriger Gärtner, ein schlafmütziger Schlossherr und eine lustige Mäusefamilie.

 

Der Vorsatz zeigt – ähnlich dem Titelbild – auf der Doppelseite ein Bild mit Sonnenuntergang, das in der Toskana sein könnte. Auf der rechten Seite, die man also beim Aufschlagen des Buches sofort sieht, sind wir ganz nah dran in einem Stück Wiese, und in der Mitte duckt sich eine Maus und schaut aufmerksam nach links oben. Erst da folgen wir ihrem Blick und sehen eine große weiße Eule heran segeln. Doch sie hat die Augen zu zwei Schlitzen geschlossen, sie hat keine Fressbeute entdeckt, sie scheint mit sich zufrieden zu sein, mit leisen Schwingen über die Felder und den schmalen hohen Zypressen zu gleiten.
Auf den folgenden Seiten erhalten die Bilder nur noch eine der querformatigen Seiten, auf den anderen dürfen noch blasse Skizzen den Text begleiten. Erst unter der Lupe erkennen wir die Technik der vielen kleinen Striche mit verschiedenen Farben, die auf einem Blatt Papier eine frühe Welt entwickeln, so wie wir sie uns – vielleicht – vorstellen. Die Menschen haben saubere Kleidung, keine Hose ist geflickt, die Mädchen tragen Schürzen über ihren Röcken, die Kleinkinder Mützen mit kleiner Krempe gegen die Sonne. Der Zirkusdirektor hat selbstverständlich einen (roten) Zylinder, passend zu seiner imposanten Jacke mit den gelben Stulpen und Kragen über der doppelreihigen Weste. Die Sympathie von Bernhard Oberdieck liegt allerdings bei der Gestaltung der Tiere. Sein Elefant von hinten mit dem dicken, faltigen Hintern ist auch deswegen köstlich, weil er, wie es Elefanten beim Marsch eben tun, mit seinem Rüssel den Schwanz des Vordermanns greift, dieser allerdings zu einem Kamel gehört. Seiner Eule gibt er die Würde, die ihr gebührt, auch wenn sie keiner Ahnung hat von ihrem Können und Vermögen, mögen die Kinder um den Käfig auch sich sonst wie gebärden. Herrlich, wie er auf diesem Bild bereits die Gesinnung des Zirkusdirektors entlarvt!

Viele Charaktereigenschaften von Mensch und Tier werden hier transportiert, viele Werte, denen wir uns zuordnen wollen – oder vor denen wir uns hüten sollen. Uns geht es wohl wie dem Illustrator: Die Tiere sind die sympathischeren Menschen.

 

 

 

 

 

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en