Ruth vander Zeee & Roberto Innocenti:
Erikas Geschichte

Aus dem Englischen von Gabriele Haefs
Hildesheim: Gerstenberg 2013

www.gerstenberg-verlag.de

ISBN 978-3-8369-5770-0
24 S * 16,95 € * ab 06 J

 

 

 

 

Eine Mutter wirft ihr Neugeborenes aus dem Zug. Das ist ungeheuerlich! Da müssen wir nachfragen, was sie dazu bewegte! Erika, das ehemalige Baby, weiß nichts weiter darüber, aber sie kennt die Umstände dieser Handlung. Der Zug fuhr offensichtlich in ein Vernichtungslager, Erikas Eltern waren Juden, wir schrieben das Jahr 1944.

Menschentransport ins Vernichtungslager

Der dicke Buchdeckel zeigt ein Bild aus dem Inhalt, ein Stern ist heraus gestanzt und lässt sich lösen, sodass der gelbe Untergrund zu sehen ist. Dies Zeichen mussten die Juden in der Zeit, in der die Nationalsozialisten in Deutschland regierten, seit 1941 in Deutschland auf ihrer Kleidung deutlich sichtbar tragen. Das Zeichen diente der für alle sichtbaren Ausgrenzung der Menschen, die jüdischen Glaubens waren oder deren Vorfahren Juden waren. Wir wissen, dass die Deportationen in die Lager der systematischen Vernichtung dienten – ein ganz schrecklicher Vorgang, den es in dieser Art zuvor niemals gab und seitdem auch – Gottseidank - nicht wieder. Das Buch hilft somit gegen das Vergessen, den Holocaust auch für junge Menschen lebendig zu erhalten, die Geschichte möge sich auf keinen Fall wiederholen.

Es gibt eine kleine Rahmenhandlung, die Innocenti entsprechend farbig gestaltet. Den spekulativen Teil zeichnet er in Grautönen, so wie es auch die Fotos von früher waren. Seine Bilder halten die Menschen in ihren Bewegungen an, sehr oft vermeidet er, dass wir Gesichter sehen. Es könnte dieser Bekannte sein, jener aus einem fremden Ort, jeder individuell und nicht als «Masse Mensch» dargestellt, aber dennoch nicht erkennbar.

Der Stacheldraht, der uns von den Menschen, die in die Güterwagons gepfercht werden, trennt und uns zu untätigen Zuschauern mit schlechtem Gewissen macht. Was sollten wir denn tun? Konnten wir etwas tun? Können wir heute etwas tun? Das Buch hilft wenig bei der Beantwortung, denn die Person «Erika» hat es überlebt, wurde groß gezogen, heiratete, bekam drei Kinder.

Ein wenig unklar, ohne weitere Erklärungen der vorlesenden (Groß-) Eltern nicht verständlich, sind die Anflüge im Text von «meinem Volk» und nicht von «meiner Religion» oder «meiner Religionsgemeinschaft», wie es überhaupt keinen Anhaltspunkt gibt für die Situation, in die Erika, ihre Eltern und die anderen geraten sind. Es wird Grundwissen vorausgesetzt.
Selbstverständlich kann das so komplexe Thema nicht in einem Bilderbuch mit wenigen Seiten behandelt werden. Insofern ist die Schlüsselszene, ein gerade geborenes Kind aus einem fahrenden Zug zu werfen, ein guter Ausgangspunkt für viele Gespräche und Nachfragen. Andererseits ist der für ein Bilderbuch sehr hohe Preis nicht einsehbar, zumal der Text einen großen Teil des Platzes beansprucht und die Bilder nicht aufwändiger sind als in vielen anderen Büchern – auch mit deutlich geringerem Preis (vgl. auch – zum gleichen Preis – Innocentis «Das Mädchen in Rot» bei Gerstenberg, ebenfalls 2013).

 

 

 

 

 

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en