Gerda Raidt & Christa Holtei:
In die neue Welt
– Eine Familiengeschichte in zwei Jahrhunderten

Weinheim: Beltz & Gelberg 2013

www.beltz.de

ISBN 978-3-407-75367-0
32 S * 13,95 € * ab 5 J

 

 

 

 

Von der Not einer Familie im Harz-Vorland über die Auswanderung nach Nebraska, der Neuanfang dort und die Rückkehr als Besucher – allerdings erst 150 Jahre später – wird erzählt und gezeichnet. Auch wenn die Bilder sehr «saubere» Menschen zeigen, der Text deutet mehrfach die Härte an, durch die die Familie sich durchkämpfen musste.

150 Jahre

In einer Art Sachbuch folgen wir im Sauseschritt einer kleinen Geschichtsstunde, die uns von 1869, also zwei Jahre vor Gründung des Deutschen Reiches, bis in unsere Zeit führt. Hier war es die Erbaufteilung des Landes, die dazu führte, dass viele Familien sich nicht mehr ernähren konnten. Da hieß es irgendwann: Alles zu Geld machen, über Hannover nach Hamburg kommen und dort ein Auswandererschiff finden, das nach New Orleans fährt. Von dort weiter, den Mississippi flussauf. Wir können den Weg auf dem Vorsatz des Buches nachvollziehen. Auf dem Nachsatz sehen wir dann die Urlaubsreise zurück zu den Quellen von den USA bis nach Niedersachsen. Das Haus der Vorfahren steht noch.

Auch wenn die Bilder viel Platz beanspruchen, der Text braucht deutlich mehr Zeit beim Vorlesen als die Bilder dem kindlichen Auge bieten. Das ist kein Wunder, wenn man die vielen Probleme wenigstens ansprechen, andeuten will: Zu kleiner Landbesitz, Verfall der Webtuch-Preise durch die Industrialisierung, Ausverkauf der Habseligkeiten, Wucherer am Hafen, Überfahrt im Elend im Zwischendeck (Anmerkung: Ein Besuch des Auswandererhauses in Bremerhaven lohnt sich sehr – leider fehlt ein Hinweis im Buch), Immigrationsregeln, Wucherer in Omaha, der erste Winter, die Indianer-Problematik wird SEHR kurz angerissen, Land-Aufgabe oder Land-Zukauf, Wachstum. Die folgenden über 100 Jahre werden geschickt auf eineinhalb Seiten visualisiert, dann der Sprung ins Heute.

Das Anliegen, Geschichtsverständnis «von unten» zu vermitteln, ist gelungen. Es gibt eine Reihe von Anknüpfungspunkten zum Vertiefen, wenn auch die Bilder sich dem Thema völlig unterwerfen und in ihrer Technik nichts Neues vermitteln, eher sehr «traditionell» gestaltet sind und nicht immer passen. Die Auswanderer tragen offensichtlich Sonntagskleidung, die weiße Schürze des Mädchens hat weder Fleck noch Flicken, ebenso die Kleidung aller anderen Auswanderer. Holzklompen anstatt Lederschuhe sind eher nostalgisch friesisch als historisch korrekt. Das gilt nicht für den (möglichen) Namen von New Steinberg, Nebraska, wohl aber für den Ort Hanover, Nebraska, (der ist fiktiv, einem anderen Buch entnommen). Dafür gibt es in Nebraska ein Minden, ein Humboldt, ein Gothenburg (Göteborg, Schweden) oder auch Genoa (Genua, Italien) und andere Orte, die an Auswanderer erinnern.

Zumindest ungewöhnlich ist die typographische Gestaltung des Titelbildes mit Serifen- und Schreibschrift und vier unterschiedlichen großen Lettern, dazu zwei Farben und unterschiedlich fett gedruckt, die Gegenüberstellung der Abfahrenden um 1850 und die Ankommenden um 2000 dagegen recht gelungen.

Ein wichtiges Thema also, aber nicht ganz rundum gelungen.

 

 

 

 

 

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en