Paul Fleischman & Bagram Ibatoulline:
Das Streichholzschachtel-Tagebuch

Aus dem Englischen von Nicola T. Stuart
Berlin: Jacoby & Stuart 2013

www.jacobystuart.de

ISBN 978-3-941787-20-9
40 S * 14,95 € * ab 04 J

 

 

 

 

Ein Tagebuch ohne Wörter, ohne Schrift führte der Urgroßvater, als er noch nicht lesen und schreiben konnte. Sein Leben in Armut, die Auswanderung erst des Vaters und dann der Familie in die USA und das Leben in Elend auch dort werden lebendig anhand der Dinge, die er seinerzeit in den Streichholzschachteln sammelte, und anhand der wunderbaren und aufwendigen Illustrationen.

Olivenkern

Ein Olivenkern. Wenn der Hunger zu groß wurde, gab ihm seine Mutter einen Olivenkern. Das Lutschen half dagegen, wenigstens für eine Weile. Der Vater hat die Familie im Italien des frühen 20. Jahrhunderts verlassen, um in den USA sein Glück zu versuchen. Erst als er genug Geld verdiente, schickte er die Fahrkarten für seine Frau, die vier Töchter und den damals noch kleinen Erzähler. Sie können die Hütte verlassen, in dem es nicht einmal Fußbodendielen gab, fahren mit dem Dampfschiff in Richtung Ellis Island, der Einwanderer-Insel in Sichtweite der Freiheitsstatue.
Aber auch jenseits des Atlantiks liegt das Geld nicht auf der Straße. Alle müssen mitarbeiten, die Familie zieht von Ort zu Ort: Fische in Konservendosen füllen, Pfirsiche sortieren, Shrimps schälen und Austern öffnen, Nüsse knacken für ein Restaurant – und endlich ein fester Job des Vaters in einem Walzwerk, in dem Eisenbahnschienen hergestellt werden. Ein Anfang.

 

Durch die Rahmenhandlung wissen wir, dass die Zeiten sich radikal änderten. Der freundliche Urgroßvater lebt in einer luxuriösen Wohnung, wir sehen sein großes Zimmer der Erinnerungen, in dem seine noch nicht schulpflichtige Urenkelin ihn offensichtlich zum ersten Mal besucht. Sie findet die Zigarrenkisten mit den Streichholzschachteln, und er erzählt, was es mit den gesammelten Gegenständen in ihnen auf sich hat: ein Olivenkern, ein zerknittertes Schwarz-weiß-Foto, eine Schreibfeder, eine Nudel, ein Flaschenverschluss, eine leere Schachtel.

Die Geschichte wird mehrfach unterbrochen, wir erkennen das schnell an der Farbigkeit der Bilder. Die «alten» sind in der Sepiafarbe alter Fotografien gezeichnet, die nicht lange oder gut genug fixiert wurden. Dabei können es die beeindruckenden Bilder bezüglich der Exaktheit durchaus mit Fotografien aufnehmen! Sie geben der ungewöhnlichen Geschichte einen sehr passenden Rahmen.
Die Geschichte ist durch die einzelnen Streichholzschachteln wie durch die Sprünge in die Jetztzeit so gegliedert, dass der Text nicht zu lang wird, dem Bild aber gleichzeitig beim Vorlesen Zeit gibt zur Wirkung. Zum genauen Schauen muss man allerdings das Buch mehrmals lesen und/oder anschauen. Es wird nicht langweilig werden.

 

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Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en