David Merveille nach Jacques Tati:
Hallo Monsieur Hulot –
22 lustige Bildergeschichten

Zürich: NordSüd 2013

www.nord-sued.com

ISBN 978-3-314-10173-1
52 S * 14,95 € * ab 05 J

 

 

 

 

Im Charme der frühen 1960er-Jahre und doch ganz modern ist die Figur des Monsieur Hulot. Wir wissen, dass er in Paris lebt, dass ihm kleine Dinge des Alltags passieren, er mit der modernen Technik, der lauten Umwelt und der Hektik nicht so gut zurecht kommt. Dennoch bleibt er immer irgendwie «Sieger», ohne dass es einen Verlierer gibt. Lächerlich ist eher das, was allzu leicht «Fortschritt» genannt wird. Anschauen und sich anstecken lassen!

Hulot-Fieber

Die Utensilien des sympathischen, naiven, etwas tollpatschigen, liebenswerten Franzosen sind ein kurzer Mantel, zu kurze Hosenbeine, die die Socken zeigen, ein Jägerhut, der heute Trilby heißt, ein schwarzer Regenschirm mit gekrümmtem Griff und eine dünne Pfeife, die er zumeist im Mund, selten in der Manteltasche trägt und die selten als Rauchgegenstand genutzt wird. Sein Gang ist immer «gefedert», etwas ruckartig und leicht nach vorn gebeugt, die spitze Nase und die über der Stirn hochstehenden Haare geben ihm ein markantes Profil.
Menschen, die sich an die Filme von Jacques Tati erinnern, werden sich zuallererst an «Die Ferien des Monsieur Hulot» (1953) erinnern, dem ersten Spielfilm, in dem Tati das Drehbuch schrieb, Regie führte und die Hauptrolle übernahm. Hulot ist schon damals wunderbar «altmodisch», lässt sich mit den Tücken der Moderne ein, die er ein- um das andere Mal mehr oder weniger zufällig besiegt. Hervorragend beobachtet und mit einem ausgesprochenen Sinn für Akribie und Perfektion ausgestattet, folgte Tati Charlie Chaplin und Buster Keaton und fand in Deutschland in vielerlei Hinsicht durch Vicco von Bülow alias Loriot einen «modernen» Nachfolger.
Tatis Figur redet nur sehr undeutlich und unverständlich, Geräusche der Umwelt übertönen seine Stimme des Öfteren. Ein ideales Vorbild für pantomimisches Spiel und für kurze Bildergeschichten also. Diese hier sind so hintergründig, kritisch und gleichzeitig liebenswert, als hätte der Erfinder Hulots sie sich selbst ausgedacht. Kompliment und «Hut ab», Herr Merveille!

Bereits auf dem Vorsatz, wir hätten es fast übersehen, ist die Art des Humors deutlich. Eine Ansicht der Dächer von Paris, aus denen groß der Eiffelturm herausragt. Ein blauer Himmel, einige weiße Wolken. Oder ist das ein Flugzeug? Hah, das eine ist die Figur, die wir gleich lieben lernen werden: Monsieur Hulot! Die anschließenden Bildergeschichten folgen alle dem gleichen Schema. Auf der rechten Seite sind in zwei Reihen vier bis acht Bilder, die eine Geschichte erzählen. Für die Pointe auf dem ganzseitigen Bild aber muss man erst einmal umblättern – und sich dann überraschen lassen. Laut gelacht wird selten, aber geschmunzelt allemal.
Hulot spricht kein Wort, es gibt keinen erklärenden Text, keine Sprechblasen, der kurze Titeltext muss ausreichen. Und selbst der ist oft unnötig. Hulot erweist sich – auch hier wieder ungewollt – als respektlos gegen das Militärische (er bückt sich, um an der Rose zu riechen und streckt damit seinen Po gegen die Militärparade) und gegen die Atomkraft (im Spiegel des Sees wird aus dem Kühlturm eine Windmühle, die gut zu der Figur des Don Quijote passt).
Solche Stellen sind wohl etwas für die Erwachsenen, die sich das Buch mit ihren Kindern (oder wahrscheinlicher: Enkelkindern) anschauen, ansonsten aber verstehen auch Kinder ab drei Jahren den Humor, müssen sie doch selbst oft genug gegen die Tücken der Welt kämpfen, die sie sich erobern wollen.
Schön, wenn es mit Hulots Art gelingt.

 

 

 

 

 

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en