Ljuba Stille:
Liese lutscht

Frankfurt: Kinderbuchverlag Wolff 2013

www.kinderbuchverlag.de

ISBN 978-3-938766-38-5
24 S * 12,90 € * ab 03 J

 

 

 

 

Ungewöhnliche Illustrationstechnik mit gewöhnlichem Problem: Liese lutscht am Daumen. Dafür aber, finden die Eltern, der Bruder und Opa, ist Liese zu groß. Liese findet das nicht, in dieser Hinsicht ist sie gern noch ein bisschen klein. Peinlich findet das ihr Bruder Paul. Und wie findet Oma das?

Daumen

Ljube Stille malt nicht, sie zeichnet nicht, sie schneidet und klebt. Sie benutzt mit Muster bedrucktes Papier oder auch einfarbiges. Sie klebt übereinander, schneidet glatte Kanten. Sie schneidet aus dem schwarzen Papier Haarfransen und aus dem hautfarbenen eine Hand. Sie klebt sie so, dass der Zeigefinger in leichtem Bogen an der Nase ruht und der Daumen in Höhe des Mundes nicht sichtbar ist. Liese lutscht.

Die Menschen und die Dinge lassen viel weißen Platz, von dem der fast lakonische kurze Text nur sehr wenig beansprucht. Text und Bild ergänzen sich vortrefflich. Frau Maier sagt, dass ihr Hund nur spielen will. Das Bild spricht eine ganz andere Sprache. Die ältere, eher schwache Frau ist klein und weit weg, der Hund ist groß und dick und zeigt große spitze Zähne in seinem furchterregend weit geöffneten Maul direkt vor Liese. Sein Kopf ist etwa so groß wie die ganze Liese, die mit dem Rücken an einer Ziegelwand steht und gar nicht so große Angst zeigt, wie wir es eigentlich erwarten. Liese lutscht nämlich.

So erleben wir Liese in einer schwierigen Situation nach der anderen, in der ihr Daumen sie daraus rettet. Wir argumentieren wie Mama, wie Papa, wie Paul, wie Opa und wie Oma, um Liese zu überzeugen, dass Daumenlutschen ungesund sei, etwas nur für kleine Kinder. Wir sehen, dass alle Versuche der Belohnung nichts nützen. Liese lutscht. Liese findet das ganz in Ordnung. Bis Oma auf eine komische Idee kommt.

 

Wohl alle Eltern kennen das. Der Schnuller wird angewöhnt, damit er die Zähne positiv formt (solange er nicht gedreht wird, er wird aber fast sofort gedreht), damit er irgendwann wieder „verschwinden“ kann, die Schnullerfee holt ihn dann in der Nacht (wie gut, dass der Daumen nicht verschwinden kann, denkt nicht nur Liese), damit das Geschrei wieder aufhört (solange der Schnuller im Mund ist, er wird aber gleich wieder verloren oder sogar ausgespuckt). Das Leben ohne Lutschen ist eben schwierig. Das Leben mit Lutschen ist aber auch schwierig. Da hilft kein fremdes Argumentieren, da hilft nur eigene Einsicht. Die kann aber niemand vermitteln, die muss man selbst finden. Liese findet sie.

 

Wie in allem scheinbar Einfachen steckt auch in dieser Geschichte und ihrer Ausgestaltung viel Arbeit und viel Zeit der Reduktion. Die Bilder sind mutig gesetzt. Die Emotionen in den Gesichtern entstehen in der Anordnung von liebevollen Einzelheiten, das hervorragende Formengefühl der Illustratorin erkennen wir in den Schnitten der Körper, die ihre genauen Beobachtungen der Wirklichkeit in diese Bilder übertragen kann.

Für die Erwachsenen ein beeindruckendes Buch, für die Kinder eine bekannte Geschichte aus dem eigenen Leben. Ob es gegen Daumenlutschen hilft? Liese würde bestimmt das machen, was im Titel steht: Liese lutscht.

 

Wie gut, dass sich die Zeiten von Konrad aus dem „Struwwelpeter“ geändert haben!

 

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Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en