Roberto Innocenti & Aaron Frisch:
Das Mädchen in Rot

Aus dem Englischen von Herbert Günther
Hildesheim: Gerstenberg 2013

www.gerstenberg-verlag.de

ISBN 978-3-8369-5742-7
32 S * 16,95 € * ab 08 J

 

 

 

 

Innocenti nimmt sich des Rotkäppchen-Themas an und verlegt den Ort des Geschehens in den Dschungel der Großstadt. Sein Rotkäppchen Sophia hebt sich nicht nur durch das Rot des Mantels und der Kappe ab, es sticht auch durch die Sauberkeit aus dem Moloch und den aufgegebenen Stadtteilen heraus. Die Rahmenhandlung lässt es zu, dass wir ein zweites, versöhnliches Ende lesen und sehen können.

Wolf

Die Bilder sind wie fotografiert, nehmen sich Zeit für Kleinigkeiten, Andeutungen, Anspielungen, weisen den Personen Charaktereigenschaften zu. Wir sind in der Rahmenhandlung in einem grauen Raum, der Regen macht das Fenster fast blind. Auf dem großen, quadratischen Tisch sitzt eine ältere, kleine Frau auf einem Stuhl, der auf einem Podest steht. Die Wolle und der schon gestrickte Teil des Streifenschals leuchten, ziehen den Blick unserer Augen auf sich, fort von den vielen Gegenständen in den Regalen, auf und unter dem Tisch auf dem Boden, die der Gewalt das Wort reden: Panzer, Bein im Haifischmaul, Vampir am Faden, tote Mickey-Maus, Handgranate, Pistole usw. Zwölf Kinder sitzen an drei Seiten des Tisches, nicht alle konzentriert auf die Frau. «Rückt zusammen, Kinder, ich will euch eine Geschichte erzählen.»

Es ist die bekannte Geschichte des Mädchens, das von ihrer Mutter zur Großmutter «am anderen Ende des Waldes» geschickt wird, um ihr «Honig und Orangen» zu bringen. Dieses Rotkäppchen mit den tiefschwarzen Haaren hat kein Körbchen, sondern sie benutzt ihren Rucksack. Der «Wald» besteht aus dieser lärmenden, dreckig-bunten Großstadt. Überall sind Werbeplakate, Autos, Motorräder. «Man wird von allen gesehen, aber von keinem beachtet.» sagt der Text, der in grau oder rot unterlegten Rechtecken am Rand der Bilder abgedruckt ist.

Wir erkennen viele Text- oder Plakataufdrucke wieder und können auch einige Graffitis oder Personen zuordnen, auch wenn sie nicht exakt den Originalen entsprechen,  (ein Pfeil mit einem großen M und dem Hinweis 50 [m], D&G, Madonna, mehrfach Berlusconi, Chaplin, Wettbüros, Superman, Weihnachtsmann, Cardin, Armani, Heineken, Heineken, Shell, PIAT, Bank of Caiman, King oben auf dem Hochhaus, ...). Die Polizei trägt große Aufdrucke «Polizot» oder «FDI». Wir erkennen, dass die Glitzerwelt nur notdürftig die schmutzige Realität überdeckt, das Böse, das Verbrechen wird mehrfach zunächst angedeutet und übernimmt immer mehr das Geschehen, in dem Sophia sich wie ein Fremdkörper bewegt. Als der schwarze «Jäger» als Helfer für das in Not geratene Mädchen auftritt, es aus den Fängen der Schakale befreit, ahnt uns Schreckliches.

 

Innocenti zeichnet nicht nur exakt und realitätsnah, er ironisiert auch und tranportiert vor allem für die Erwachsenen noch viel mit. Als der «Wolf» groß, stark, schwarz und sauber wie Sophia vor ihr steht, wird sie zur Lolita. Und über ihrem Kopf, hinter dem Stacheldraht auf der Mauerkrone, lächelt Berlusconi dazu auf einem Plakat mit der Aufschrift «I am the best». Das ist mutig gesetzt wie der Schluss der Geschichte und dem vorläufig letzten Satz: «Kein Sonnenstrahl wird an diesem Tag durch die Wolken brechen.»

 

Ja, das ist selbstverständlich eine Interpretation und Weiterentwicklung und nicht etwa ein «süßes Bilderbuch». Das ist auch keine Geschichte für ein Märchenbuch für Kinder. Es bedarf – wie jenes –des gemeinsamen (Vor-) Lesens und Sprechens, das Wichtigste aber dürfte hier das Betrachten und Sprechen sein. Mehr noch als bei den Grimms steht hier als Grundbotschaft, dass die Unschuld bedroht ist von der bösen Umwelt und besonders vom männlichen Unhold und sich deshalb vorsichtig und besonnen bewegen muss. Sonst ...

 

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Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en