Seyyed Ali Shodjaie & Elahe Taherian:
Der große Schneemann

Aus dem Persischen von Nazli Hodaie
Basel: Baobab 2013

www.baobabbooks.ch

ISBN 978-3-905804-47-8
32 S * 15,90 € * ab 05 J

 

 

 

 

Das Gleichnis über die Entstehung von Macht und der Unfähigkeit der Vielen, scheinbar machtlosen, sich zu wehren, gilt nicht nur für einen bestimmten Staat und nicht nur für eine bestimmte Zeit. Auch wenn die Situation nicht direkt übernommen werden kann (hier kommt Hilfe von Außerhalb), so macht sie uns dennoch Mut und fordert unsere Aufmerksamkeit, es gar nicht erst so weit kommen zu lassen, dass wir uns nicht mehr von Zwängen befreien können.

kalte Welt

Seyyed Ali Shodjaie erzählt die Geschichte eines riesig großen Schneemanns, den die Kinder des Dorfes selbst erschufen und den anschließend alle Dorfbewohner mit einer Macht ausstatteten, der sie selbst nicht mehr widerstehen konnten, nicht in der Gemeinschaft und erst recht nicht als Einzelperson. Wie bei jeder Machtübernahme geht auch diese Scheibchenweise, «Freedom dies by inches.» sagt der Engländer. Erst stört den Schneemann das Krähen der Vögel, dann hat er Hunger. Außerdem wird ihm warm – und so fordert er nach und nach von allen Bewohnern Gehorsam. Die erfüllen ihm die ersten kleinen Wünsche und immer weitere, sodass sie sogar der Sonne gegenüber behaupten, dass die Situation schon in Ordnung sei, so wie sie ist – so sehr sind sie bereits in dem Gefüge gefangen. Gut, dass die Sonne wenigstens im nächsten Jahr nicht mehr darauf einlässt und den Schneemann in seine Grenzen weist. Das heißt hier also: Schmelzen.

Das Bilderbuch ist in mehrfacher Hinsicht «besonders». Durch die Zweisprachigkeit Persisch-Deutsch folgen wir der Lesart von rechts nach links, blättern also von «hinten nach vorn». Der persische Originaltext ist unterhalb der Bilder am unteren Rand abgedruckt, der deutsche zum Teil in den Bildern. Diese sind bewusst «naiv» gehalten, kümmern sich nicht um Perspektive oder Größenverhältnisse. Ein Baum besteht aus einem Rechteck, aus dem oben einige Zweige wie Haare auf dem Kopf herausstehen, die Menschen zeigen ihre beiden Augen, nötigenfalls auch beide auf einer Seite, sie verrenken sich teilweise so, dass der gesamte Kopf verkehrt auf dem Körper sitzt. Unauffällig ist die Abwesenheit von Tschador oder Kopftuch, höchstens hier und da ein Schal gegen die Kälte oder um die Haare zu bändigen, die die Illustratorin zumeist gekräuselt und in verschiedenen Farben (!) zeichnet.

Den Sinn der Geschichte verdeutlicht der Autor vorsichtshalber (man weiß ja nie) innerhalb der Geschichte («Wie gut, dass sich eine solche Geschichte nicht mehr wiederholen wird!») wie in seinem Nachwort. Man kann, muss das Thema immer wiederholen, denn offensichtlich hat sich auf der Erde noch nicht herumgesprochen, wie man ein Leben in Freiheit und Glück führen kann.

 

 

 

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en