Arne Svingen & Christoffer Grav:
Mit eigenen Augen

Aus dem Norwegischen von Maike Dörries
Mannheim: Sauerländer 2013

www.bi-media.de

ISBN 978-3-411-80994-3
176 S * 19,99 € * 12-99 J

 

 

 

 

Wer im Dunkeln sehen kann, ist der eigentlich Sehende. Das merkt der aufstrebende Musikstar Jim Winge, als er der blinden Lise am Strand begegnet. Die Welt des Glitzers, die sich ihm gerade öffnet, gerät damit gleich wieder ins Wanken. Eine sehr interessante Mischung aus Bild und Text mit inhaltlichen Sprüngen zieht auch «Lesefaule» schnell in die Geschichte hinein.

Licht aus

Die Graphic Novel wirft geschickt die Bälle zwischen Text und Bild. Wie in der schnellen digitalen Welt, die ebenso schnelle Entscheidungen von uns erwartet, müssen wir den Text in immer neue Situationen einbinden. Die schwarz-weißen Bilder helfen dabei aber nicht nur, sie spinnen die Geschichte weiter oder geben Hinweise auf die Lücke zum vorigen Text.

Wir haben einen jugendlichen Rocksänger, angehimmelt von seinen Fans, bedrängt von Groupies. Er nimmt die Bewunderung hin, ist aber schon bald genervt von der Oberflächigkeit, weiß offensichtlich auch um die Fragilität seiner jetzigen Situation. Gerade noch hoch gelobt, dann wieder unten angekommen. Noch aber ist er der, den seine Fans anbeten, ihm nacheifern, seine Lieder mitsingen. Die Begegnung mit Lise, die so ganz anders verläuft als er erwartete, machen auch die Bilder deutlich. Lise hat rote Haare, Farbe, etwas, das für eine Blinde nicht verstehbar ist. Sie braucht jemanden, der ihre Augen sein kann, jemanden, dem sie vertrauen kann. Jim kann das sein. Vielleicht.

 

Die Bilder sind durch den Verzicht auf Farbe sehr eindringlich. Durch die Idee der roten Haare ist Lise inmitten dieser Welt gut zu erkennen. Dann aber, unvermittelt, kommen comichafte Elemente ins Spiel, in Jims Fantasie existierende, redende Tiere, ein verschrobener Ort, wie ihn ein Blinder sich vorstellen mag, Krakeluren auf einem Notizblock. Sehr eindringlich ist die Bildfolge, in der Lises Hände das Gesicht von Jim erkunden. Für uns ist es zunächst so leer, wie es für das Mädchen sein muss. Je weiter ihre Hände es erforschen, desto deutlicher wird es auch für uns.

Das (farbige) Titelbild zeigt uns ein (nacktes) Mädchen mit roten Haaren. Der Kopf ist nur zum Teil zu sehen, die Augen sind jenseits des Bildes. Ihr Körper ist zum großen Teil durch einen Jungen verdeckt, dessen Augen sie wiederum mit ihren Händen bedeckt, ein Auge jedoch frei lässt. Da ist die gesamte Geschichte, verdichtet in einem Bild. Um noch deutlicher zu machen, dass es um Sehen-können, um Sehen-wollen – und nicht um gesehen werden – geht, wird der Titel «Mit eigenen Augen» auf den ersten Seiten auch noch in Braille-Schrift abgedruckt (wenn auch nicht gestanzt).

 

Der Autor Arne Svingen und der Illustrator Christoffer Grav nutzen die Möglichkeiten der Graphic Novel voll aus und machen ein tolles Buch, das der Oberflächlichkeit trotzt.

 

 

 

 

 

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en