Conrad Ferdinand Meyer & Jens Thiele:
Die Füße im Feuer

Berlin: Jacoby & Stuart 2013

www.jacobystuart.de

ISBN 978-3-941087-46-0
32 S * 19,95 € * ab 10 J

 

 

 

 

Jens Thiele hat eine der spannenden und aufregenden Balladen des 19. Jahrhunderts mit viel Rot und Schwarz interpretiert. Wird der Foltertod der Frau in dieser Nacht gerächt werden? Der Knappe des Königs, der sich im Gutshaus einquartiert hat, ist sich ziemlich sicher, dass seine letzte Stunde geschlagen hat.

Folter und Sühne

Jens Thiele konstruiert seine Bilder. Er benutzt Fotos, glatte Flächen, spielt mit dem Lichteinfall. Er steckt seine Bilder inmitten des tiefen Schwarz der Seiten. Das dunkle Rot in den Bildern greift die heiße Glut des Kaminfeuers auf. Es ist die Farbe von pulsierendem Blut, dessen Anblick wir in unserem Empfinden mit dem Tod in Verbindung bringen. Seinen Boten des Königs stellt er als Saubermann hin, glatte Haut, volles, welliges Haar, leicht rosafarbene Jacke, ohne Fleck oder Staub, die sie doch auf dem Ritt angenommen haben müsste. Die hellen, fast weißen Handschuhe tragen leichte Spuren der Zügel. Sein Blick ist starr als ihm bewusst wird, wo er sich befindet.

 

Wir müssen als Vorleser viel zum Text, der in Weiß auf dem schwarzen Grund unter den Bildern abgedruckt ist, erklären, sind doch viele Begriffe von Conrad Ferdinand Meyers Ballade heute nicht mehr gebräuchlich. Für die Grund-Konstellation, die Verfolgung und Ermordung der Hugenotten von (katholischer) Kirche und Adel, müssen einige historische Kenntnisse vorhanden sein. Namen wie «Schaffnerin», «Nîmes», «Junker» oder die Bedeutung von «Tapetentür» muss man erahnen oder im Lexikon nachschlagen. Und auch für die wunderbare Sprache von C. F. Meyer muss man ein wenig offen sein.

Nein, weder Text noch Illustration sind für die Jahrgänge gedacht, die wir oft für das Lesealter von Bilderbüchern halten. Dabei haben wir noch gar nicht von der Mehrschichtigkeit gesprochen. Thiele legt eine weitere Ebene in seine Bilder, indem er bereits im ersten eine Filmcrew, selbst im Schattenriss dargestellt, den Ort des Titels ausleuchten lässt. Wir sehen den Kamin, in dem das Feuer erloschen ist, sein Hintergrund aber immer noch hellrot leuchtet. Ein Barocksessel steht schräg davor, der Raum gewinnt nach oben rechts an Tiefe. Links an der Wand hängt das Bild einer Edelfrau. Sie trägt einen modernen Trenchcoat, der Kragen ist hoch geschlagen. Wir sehen dieses Bild am Schluss noch einmal. Die Frau erinnert stark an die französische Schauspielerin Catherine Deneuve, ein weiterer Hinweis auf das Drehen eines Films. Am Ende verlischt das rote Licht der Filmlampe wie das des Kamins, es leuchtet nur noch das Portrait mit dem seltsam zerbrochenen Gesicht.

 

Eine sehr gelungene Interpretation der Ballade um Folter, Verbrechen, Rache und nicht eingestandener Schuld.

 

 

 

 

 

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en