William Joyce & Joe Bluhm:
Die fliegenden Bücher des Mister Morris Lessmore

Aus dem Englischen von Hardy Krüger jr.
Köln: Boje 2013

www.boje-verlag.de

ISBN 978-3-414-82344-1
52 S * 14,99 € * ab 03 J

 

 

 

 

Eine liebevolle Hommage an die Welt der Bücher und die Imagination, die sie dem Leser verleihen. Der Nachname des Herrn Morris Lessmore, der Held der Geschichte, trägt seinen Namen gar nicht zu Recht, denn «Weniger» ist bei ihm gar nicht «Mehr». Er kann gar nicht genug Bücher lesen, die so freundlich mit ihm umgehen und die Welt zu ihm bringen.

Welt durch Bücher

Morris Lessmore ist ein Auserwählter. Die Bestimmung geht von einer Frau auf ihn über, wie er sie später auch weitergeben wird. Die Frau lässt sich von «einem ganzen Schwarm fliegender Bücher», Luftballons gleich, in die Wolken ziehen, da ihre Zeit gekommen ist. Zum Zeichen, dass ihre Welt der Bücher weiterleben soll, schickt sie dem Titelhelden «ihre Lieblingsgeschichte, aus dem Buch mit dem blauen Einband». Es ist aufgeschlagen, die zwei Lesebändchen sind in Wirklichkeit dünne, dunkelbraune Beine mit kleinen Füßen, die Illustration «lebt» und leiht dem Buch das Gesicht eines Menschen. Mit seinem Erhalt und der Zerstörung seiner bisherigen Umwelt durch einen heftigen Sturm tritt Morris ein in eine Welt ohne Menschen, die weder er noch wir im Folgenden gar nicht vermissen.

 

Das querformatige Buch über Morris und die Bücher gibt den Bildern entweder die gute, die rechte Seite oder gleich beide. Das Sturmunglück zu Beginn wird in Grau gehalten, aber die Farbe kommt mit der fortschwebenden Frau sogleich zurück. Das prächtige große Haus, in das Morris geleitet wird, hat einen Eingang aus Büchern im Regal, der Handlauf der Treppe ist ein alter Federhalter, die (weise, kluge) Eule, ihre Augen werden mit einem Kneifer geschärft, über dem Eingang trägt sowohl gerolltes Papier als auch einen Federhalter in den Krallen. Der Innenraum bleibt verborgen, wir sehen zunächst nur tiefes Schwarz. Von innen aber fällt das Licht durch das hohe Fenster herein auf eine Récamière mit mutig geschwungener Rückenlehne, und die Türöffnung ist so weiß, wie sie zuvor von außen schwarz war. Überall stehen Regale mit Büchern an den Wänden, einige schweben aufgeregt herum, andere begrüßen Morris. Ein alter Globus deutet an, dass sich von hier die Welt öffnet. Wir leben mit Lessmore seine Tage, Monate, Jahreszeiten, Jahre. Und uns wird gar nicht langweilig, wie es auch im nicht langweilig wird. Ein zufriedener Mensch, ein glücklicher Mensch, ein Mann, der offensichtlich nichts vermisst in seinem Leben.

 

Auch wenn es nicht so recht einleuchten will, dass jemand keinen Menschen braucht und mit dem Lesen allein glücklich wird, die Vorstellung, dass Bücher Freunde sein können, ist eine schöne. Obwohl Lessmore ziemlich altmodisch dargestellt wird mit seinem Teller-Strohhut und den etwas zu kurzen Hosen, ist er ein echter Sympathieträger. Da macht das Lesenlernen gleich noch mal so viel Freude.

 

 

 

 

 

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en