Kitty Crowther:
Annie

Aus dem Französischen von Bernadette Ott

Hamburg: Carlsen 2011

www.carlsen.de

ISBN 978-3-551-51768-5
44 S * 12,90 € * ab 04 J

 

 

 

 

Mutige Bilder, die zugleich von großem Zeitaufwand beim Erstellen zeugen, zeigen eine nicht gerade hübsche Annie, die allein auf einem Hügel am Ufer des Sees lebt. Einsam ist sie und voller Sehnsucht, dass irgendwann jemand vom gegenüberliegenden Ufer kommen möge, sodass ihre Einsamkeit aufhört. Dann kommt es allerdings ganz anders. Aber auch schön.

Wenn Riesen lieben

Drei Inseln gibt es im See. Dort gibt es auch die besten Fischfanggebiete, aber die Dorfbevölkerung im Dorf meidet diese Gegend. Sie fühlen sich dort «beobachtet». Nur Annie, die auf dem Berg einsam lebt, traut es sich, vielleicht, weil «etwas Schwarzes in ihr» ist.

Kitty Crowther zeichnet eine Annie voller Melancholie, ganz in Schwarz gekleidet. Ein rötliches Haupthaar, das große Teile der Stirn frei lässt, betonen die riesige Nase. Die Trübsal wäre vollkommen, wären da nicht in den Bildern die vielen merkwürdigen rot-gelb-bunten kleinen Dinge, die sich zwischen Pflanzen- und Tierteilen nicht identifizieren lassen. Inmitten der dunklen Bilder, die von vielen schwarzen Strichen erstellt wurden, taucht unvermittelt eine rote Pflanze auf, springt ins Auge. Und wir wissen nichts damit anzufangen, außer dass es die Düsternis durchbricht, ein bisschen an Queller erinnert, jener ersten Siedlerpflanze am Saum vom Salzmeer zum Festland. Dennoch scheinen diese Zukunftsbilder unsere Annie zu bedrängen, denn sie findet für ihre Lage nur einen Ausweg: Stein an den Fuß binden, aus dem Boot in den See springen, untertauchen, Wasser schlucken, Aus. Das macht unsere Annie tatsächlich, und sie scheint nicht einmal unglücklich zu sein dabei. Verwundert ist sie anschließend allerdings, als sie am Ufer «auf einem Bett aus Algen» aufwacht. Wir wissen mehr, denn die drei Inseln im See erweisen sich als bewachsene Hüte von drei Riesen, die unter der Oberfläche des Sees sitzen und zufrieden sind mit sich und sich nur selten bewegen.
Aus der Begegnung von Annie und den Riesen entwickelt sich eine zarte Liebesgeschichte mit überraschenden Elementen und ebensolchen Bildern.  

Was lernen wir aus der Geschichte? Außenseiter zu sein ist nicht einfach und kann auch in Verzweiflung enden. Manchmal, selten allerdings, verwandelt sich diese Verzweiflung in Hilfe und Hoffnung. Und noch seltener in ein wirklich glückliches Ende. Das haben wir hier.
Die Bilder bleiben lange im Kopf, weil sie so einfach scheinen und doch zugleich von großem Zeicheneinsatz zeugen, weil sie u. a. auch den Komplementärkontrast nutzen.

Der Inhalt erzählt von der Liebe, die sich immer findet. Manchmal versteckt und erst nach vielen Irrungen. Aber sie ist da. Wir müssen sie nur erkennen.

 

 

 

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en