Brüder Grimm & Momo Takano:
Schneewittchen

Text bearbeitet von Werner Thuswaldner
Bargteheide: Minedition 2011

www.minedition.com

ISBN 978-3-86566-137-1
36 S * 12,95 € * ab 03 J

 

 

 

 

Auf dem ersten Bild ist die Welt noch in Ordnung, hell, freundlich, eine doppelte weiße Wand im Hintergrund, ein Frosch vor einem Brunnen auf dem kleinen Tisch, eine breite Königin auf einem breiten Stuhl mit ausgebreiteten Haaren und inmitten ihres Körpers, mit den dünnen Ärmchen und den kleinen Hände aufgehalten ein Fenster, sodass wir einen blauen Himmel sehen, vor dem gleichmäßig weiße Schneekreise fallen. Aber dann kommt dunkel die Stiefmutter.

Fischkopf

Schneewittchen hat die dunkle Haarpracht ihrer Mutter, trägt ein rotes Kleid und ist sehr blass – so wie es die Vorhersage bestimmte: rot wie Blut, weiß wie Schnee, schwarz wie Ebenholz. Die Stiefmutter fürchtet ihre Schönheit und lässt sie durch den Jäger ermorden. Wir kennen die Geschichte, die hier verkürzt erzählt wird.

Die Bilder sind es, die uns gefangen nehmen. Merkwürdige Assoziationen, Stimmungen auf den Doppelseiten: im Hintergrund eine aufrecht nach links gehende Schneewittchen wird parallel zu ihrem Kleidmuster fast vollständig getrennt vom Kopfschmuck der Stiefmutter, nämlich einem Fisch-Hinterleib, während diese fast stumpfsinnig, zumindest traurig, hoffnungslos aus dem Bild herausschaut. Gleichzeitig nimmt der rechte Teil des dunklen Bildes einen blassen Mond auf, auf dem der Text gedruckt ist, der umrandet ist von einer Art Zahnkranz, man fühlt sich erinnert an den Blick heraus aus einem Maul nach draußen.

Der Rabe, auf dem ersten Bild noch ein Sinnbild für das Unheil, schlägt sich mehr und mehr auf die Seite von Schneewittchen. Die Stiefmutter wird immer einsamer. Ihr Gesicht zeigt eine spitze Nase, ebensolche Lippen und ein passendes energisch spitzes Kinn. Der Großteil des Kopfes wird bestimmt von dem riesigen Fischhinterleib, der sich auch um ihren restlichen Körper legt. «Kalt wie ein Fisch» bezieht sich bestimmt auf ihr Herz.

Wie in richtigen Romanen wechseln Ort und Handlung, werden zusammen- und wieder auseinandergeführt. Als der Prinz zur Erlösung erscheint, kommt er mit einem riesigen roten Umhang, viel strahlender noch als das Rot von Schneewittchens Kleid, aber schaut (sehr schön: parallel mit seinem Schimmel) sehr entrückt zurück, bevor er das Mädchen errettet. Die zuvor nach innen gerichteten spitzen «Zähne» werden nun zu nach außen gerichteten Blütenblättern. Die Ernsthaftigkeit überwiegt in den Gesichtern der beiden, aber man sieht auch Demut und (kleine) Freude.

Der bekannte Fischschwanz der Stiefmutter auf der rechten Bildseite wird auf der nächsten nicht fortgesetzt. Die Stiefmutter ist «weg».

Zusätzlich zu vielen Kleinigkeiten, die hier längst nicht alle erwähnt werden können, versteckt Momo Takano auch Zahlen, vielleicht eine Hommage an Peter Greenaways «Drowning by numbers».

Wer das Märchen mit diesem Buch seinen (Enkel-) Kindern bekannt werden lässt, der macht bestimmt keinen Fehler.

 

 

 

 

 

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en