Oscar Brenifier, Jacques Després & Norbert Bolz:
Was, wenn es nur so aussieht, als wäre ich da?

Aus dem Französischen von Norbert Bolz

Stuttgart: Gabriel bei Thienemann 2011

www.gabriel-verlag.de

ISBN 978-3-522-30267-8
80 S * 14,90 € * ab 06 J

 

 

 

 

12 philosophische Themen werden in je gleicher Weise behandelt – und sind höchst mit- und überdenkenswert für Kinder ab 6 Jahren wie für Erwachsene. Voraussetzung ist, dass wir die Grundvoraussetzung akzeptieren: «Ohne Gegensätze kann man nicht denken. Von dieser Notwendigkeit geht unser Buch aus.» Die Bilder von stilisierten Menschen, einer mit einer großen Denkerbrille, helfen, den nicht immer einfachen Text zu verstehen.
Sehr zu empfehlen.

Dualismus

Gut, wir müssen uns wohl auf den Dualismus einlassen, der Idee, dass es immer einen Gegensatz gibt. Das fällt uns nicht schwer, denn so sind wir aufgewachsen: Nichts geschieht, was nicht durch etwas hervorgerufen wurde. Wenn es etwas Dickes gibt, dann selbstverständlich auch etwas Dünnes. Das lernen Kinder in den «guten» Fernsehangeboten, das ist unsere tägliche Erfahrung: Das Glas ist heruntergefallen, weil … Erst nachdem ich die Vokabeln lernte, schrieb ich auch gute Zensuren in den Vokabeltesten.

Zwölf Gegensätze fallen Oscar Brenifier für dieses Buch ein, die von Norbert Bolz wohl mehr als nur «übersetzt» wurden. Jacques Després (mit dem c vor dem q) fertigte die Illustrationen von «Menschen» an, bewusst künstlich gehaltene Personen in menschenähnlicher Gestalt, damit wir eine weitere Dimension haben zum Verstehen.

Jedes Gegensatzpaar erhält drei Doppelseiten des nur leicht querformatigen Buches. Auf der ersten Seite wird das Eine vorgestellt, auf der benachbarten das Andere: Einheit und Vielfalt, Endlich und Unendlich, Sein und Schein, Körper und Geist, Ursache und Wirkung. Die zweite Doppelseite stellt die Fragen, die zum Thema gestellt werden müssen: «Soll man der Vernunft oder seiner Leidenschaft folgen?», «Ist warten aktiv oder passiv?», «Kann ein einziger Mensch eine objektive Wahrheit zum Ausdruck bringen?». Die dritte Doppelseite fordert Lesekompetenz, macht auch vor Wörtern wie «innovativ» oder «Bewusstsein» und «Gewissen» nicht Halt. Philosophie ist ja nun nicht einfach, auch wenn sich die drei Macher des Buches große Mühe geben, zumindest die Fragen aufzuwerfen und mögliche Antworten anzudeuten, die aber, das wissen wir, nur zu neuen Fragen führen werden.

 

Ein hervorragend aufbereitetes Buch, das allen Kindern (und Erwachsenen) Mut macht, sich nicht nur mit dem Alltag zu beschäftigen, sondern darüber hinaus nach Lebenssinn zu suchen. Die Aufbereitung in drei Phasen ist sehr gelungen, die Bilder tragen sehr zum Verständnis bei.

Kritik? Es werden zu Beginn starke Einschränkungen gesetzt, die auch nicht hinterfragt werden, die aber unseren Lebensbedingungen sehr wohl entsprechen. Aber könnte es nicht auch sein, dass diese Lebensbedingungen mit dem Rest der Welt nur sehr wenig zu tun haben? Was wäre, wenn es – auch – einen Monismus gäbe, wenn sich Raum und Zeit gar nicht trennten, sondern nur von uns so wahrgenommen werden, während wir auf der Erde sind? Geburt gleich Trennung, Tod gleich Wiedervereinigung? Wenigstens ein kleiner Hinweis, vielleicht am Schluss, nachdem man also dem einen Weg lange folgte …

 

 

 

 

 

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en