Brüder Grimm & Sybille Schenker:
Hänsel und Gretel

gekürzte deutsche Textfassung von Werner Thuswaldner
Bargteheide: Minedition 2011

www.minedition.com

ISBN 978-3-86566-041-1
52 S * 29,95 € * ab 06 J

 

 

 

 

Ein ausgesprochen aufwendig und liebevoll gestaltetes Buch mit ungewöhnlichen Bildern in Scherenschnittart und zum Teil auf milchigem Pergamentpapier gedruckt, mit äußerer Fadenbindung zusammengehalten und mit dicker Folie geschützt – da rückt das inhaltliche Thema sogar ein wenig in den Hintergrund, auch wenn den Titel – wunderbar in Fraktur ausgeschnitten – jeder kennt.

Märchen als Kunst

Auch wenn der Text gekürzt ist, so bleibt er wunderbar altmodisch: Hänsel ist ein «Bübchen», die Familie «hatte wenig zu beißen», «der Tag brach an noch ehe die Sonne aufgegangen war», «herrnach wurden zwei Bettlein gedeckt» – die Sprache passt zur alten Technik des Scherenschnitts, der sich beißt mit einer fast süßlichen kleingemusterten Blümchentapete, die sich nicht nur auf den Innenraum beschränkt, sondern auch den Hintergrund des Hexenhäuschens bildet, das wiederum gar nicht traditionell ist und gar nicht zum Knuspern einlädt, sondern ein Stilmix sondergleichen darstellt, in dem sogar Popartelemente Platz finden.

Der Stilbruch scheint Methode zu sein: häufig schwarze Linien über Blümchenmustern, Rock’n’Roll tanzende Kinder, Scherenschnitt als Druck, Doppel- oder Dreifachbilder, weil die Pergamentbögen durchscheinen – dann wiederum in Grautönen die Vögel, die die Brotkrumen fressen werden, sehr lebendig gezeichnet in verschiedenen Phasen des Flugs, fast wie eine Malstudie.

 

Unheimliche Effekte machen eine bekannte Geschichte wirklich spannend: Eine Hand mit extrem geformten Fingergliedern und Fingernägeln, die eher Krallen sind, liegt auf Pergament vor einer dadurch milchig versetzten Nachtszene, in der Hänsel hinter Gretel in einem Doppelbett liegt, wie es Eheleute ebenso machen.

Gretel, nicht Hänsel, ist in der Folge aber die starke Person, die sich fit macht für den letzten Stoß, sodass statt ihrer «die gottlose Hexe» elendiglich verbrennt. Schlüssigerweise leben sorgenfrei die drei zusammen: Vater, Sohn und Tochter, denn die beiden brachten Reichtum mit, und Stiefmutter war zwischenzeitlich gestorben.

 

Das letzte Bild in Scherenschnitt-Technik zeigt den Vater in bayrischer Tracht, der seine Tochter inniglich umarmt, die die Umarmung erwidert, hoch oben auf seinem Oberkörper, während der Sohn des Vaters rechten Oberschenkel umklammert und ihn von unten her glücklich anzuschauen. Alle drei sind als Scherenschnitt erkennbar, wobei die Kleidung der beiden Kinder unterlegt sind: Gretels Kleid zeigt kleingemusterte Blumen auf rotem Untergrund, das Hemd von Hänsel ist rot-weiß gemustert.

 

Illustratoren, die sich an wohlbekannten Märchen versuchen, zeichnen selten, um die Geschichte zu illustrieren. Da kämen sie längst zu spät. Ihre Bilder sollen interpretieren, (neu) deuten, überraschen durch neue oder ungewöhnliche Techniken.

Das ist hier deutlich gelungen.

 

 

 

 

 

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en