L Frank Baum & Robert Ingpen:
Der Zauberer von Oz

München: Knesebeck 2011
978-3868733631
193 S* geb* 24,95 € *ab 8 J

 

 

 

Etwas mehr als 100 Jahre ist das «Märchen» alt, die Erzählung vom Mädchen Dorothy, das in eine andere Welt geworfen wird und alles versucht, um wieder zurückzukehren nach Kansas. Dabei findet sie durch ihre Freundlichkeit und auch Naivität einige Freunde (Vogelscheuche, Blechmann, Löwe), die sie auf ihrem Weg begleiten. Eine einfache Ausgangslage wird mit Versatzstücken aus europäischen Märchen (jedoch ohne jede Grausamkeit) garniert und fand, findet und wird wohl noch lange viele Leser finden. Die Bilder sind das, was neu ist, und über die wird einiges zu sagen sein.

 

 

«Es kommt auf dieser Welt nur darauf an, wie klug man ist» sagt die Krähe zur Vogelscheuche, und das ist schon bitter, denn die wird nicht müde zu sagen, dass sie ja nur Stroh im Kopf habe. Nachdem Dorothy und ihr Hund Toto samt dem ganzen Haus von einem Wirbelsturm in ein fremdes Land entführt wurde, bei der Landung das Volk der Munchkin von der bösen Hexe des Ostens befreite (man sieht noch die Beine unter dem Haus herausragen), macht sie sich nun auf den Weg zum Zauberer von Oz, denn der kann sie – vielleicht – zurückbringen in ihre Heimat Kansas.

Die nicht gerade kurze Geschichte fließt leicht dahin. Wir erleben das Waisenkind Dorothy als sehr liebenswert, ohne dass sie ihr Ziel aus den Augen lässt. Neben Toto, ihrem Hund, und der Vogelscheuche findet sie in einem Holzfäller aus lauter Blech einen weiteren Gefährten, dem sie die eingerosteten Scharniere einölt und ihm so seine Beweglichkeit wiedergibt. Er erzählt die Geschichte der bösen Hexe aus dem Osten, die aus einem jungen verliebten Holzfäller Stück um Stück einen Blechmann machte. Sie ließ seine Axt ihn sich selbst verletzen, aber Stück um Stück seines Körpers wurde durch einen freundlichen Schmied durch Blechteile ersetzt.

Und spätestens hier sollten wir über die Bilder des Australiers Robert Ingpen sprechen, der dieses Jahr seinen 75. Geburtstag feiert. Ihm gelingt hier eine wunderbare Metamorphose eines stattlichen jungen Mannes, ein Munchkin, der sich nicht wesentlich von Menschen unterscheidet, in den Blechmann. Er braucht dafür fünf Phasen, die er nebeneinander auf einer Doppelseite platziert. Die Haltungen der fünf weichen nur geringfügig voneinander ab, der ernste Gesichtsausdruck wird zu einem starren, die Axt wandert zunächst von der rechten in die linke Hand und wird dann geschultert. Sehr beeindruckend.

Der Blechmann ist es auch, der den Angriff der Bienen der bösen Hexe des Westens widerstehen kann, und auch die anderen (inklusive des «Feigen Löwen») zeigen, dass ihr Wesen jeweils sehr hilfreich sein kann. Noch weiß Dorothy nicht, dass die silbernen Schuhe der von ihrem Haus getöteten Hexe des Osten, ihr eine große Macht verleiht, aber es ist eher genau so ein Zufall wie der Tod der Hexe des Ostens, der auch diese böse Hexe vernichtet.

Bleibt noch zu erwähnen, dass der Zauberer von Oz ein großer Schwindler ist, der weder den Löwen mutig, noch die Vogelscheuche klug noch den Blechmann lebendig werden lassen kann. Einige retardierende kleine Abenteuer noch, und Dorothy kommt wirklich mit Toto zum neuen Haus ihrer Pflegeeltern, so, als sein kaum etwas gewesen.

 

Ingpen steuert mehr als 60 ganz- oder gar doppelseitige Bilder bei, in die zum Teil ein kurzer Textteil integriert ist, sowie auf mindestens jeder dritten Seite eine zusätzliche Zeichnung. Eine Art Skizzenbuch ziert Vor- und Nachsatz sowie den Schmutztitel. Ingpens Bilder sind fast fotorealistisch und werden von ihm im Nachhinein oft unscharf gestaltet. Das betrifft sowohl die Gesichter als auch die Umgebung der Menschen oder Gestalten. Mit einer bedrohlich wirkend Szenerie aus dunklem Himmel mit einem hellen Streifen im riesengroßen übermächtigen Himmel über dem einsamen Haus mit den drei Personen plus Hund, die die Entwicklung des Sturms prüfen, fast sepiafarben gestaltet, ein Bild, das man sich durchaus gern in seine Wohnung hängen möchte, starten wir in die Geschichte. Ingpen gelingt das Paradoxon von «undeutlich» gestalteten Details, das zugleich Stimmung transportiert.

Gut, dass «Oz» wieder einmal aufgelegt wurde. Sehr gut, dass es von Robert Ingpen illustriert wurde.

 

 

 

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en