Marjaleena Lembcke & Stefanie Harjes:
Eine Blattlaus wandert aus

Berlin: Tulipan 2011

www.tulipan-verlag.de

ISBN 978-3-939944-72-0
32 S * 14,95 € * ab 03 J

 

 

 

 

Wir denken immer nur an uns. Warum auch sollten wir ausgerechnet an eine Blattlaus denken, an ein Wesen mit zwei Beinen und vier Armen und dem merkwürdigen Namen Camilla Rosa? Marjaleena Lembcke schickt dies kleine Wesen erst in die USA und dann zurück zu uns, damit auch wir wissen, dass es für jeden einen Platz gibt auf dieser Welt. Stefanie Harjes schafft dazu sehr innovative Bilder.

Warum nicht Blattlaus?

Camilla Rosa ist natürlich weiblich, eine Power-Blattlaus in Stiefeln mit hohen Absätzen und Rollsporen, einem dunkelgrünen «Kleid» und passendem extravaganten Hut. Ihr ist es zu eng und voll auf ihrer Pflanze. «Alles um mich herum ist nur am Fressen und Mampfen.», unterbricht sie ihr Lesen, wirft das Buch von Sartre weg und missachtet ihr Rotweinglas, denn ihr Entschluss steht fest. In Amerika ist alles besser.
Die Überfahrt gelingt am roten Rosenstrauß einer wunderschönen Opernsängern (Harjes zeigt mit einem grünen Pfeil, wo Camilla ungefähr sein könnte, und notiert ein «da!»).

Amerika ist ein großes Land, und gerade als Blattlaus sind die Reisemöglichkeiten eher gering. Da kann man leicht auf einer Müllhalde landen, in einem Mohnfeld, in dem sich Marienkäfer, «ihre ärgsten Feinde», verbergen oder auf einem Blumenstrauß, der einer Mutter gehört, die jetzt auf einem Schiff in Richtung Deutschland sitzt. Ihre alte Kolonie ist überhaupt nicht nachtragend und überlässt ihr einen kleinen aber sicheren Platz. Ihren Nachnamen (Kapriziosa) wird man jetzt bestimmt vergessen. Jetzt erst erkennt man das wunderschöne, makellose Gesicht von Camilla, die demütig und zufrieden die Augenlider senkt. 

Die Geschichte handelt von der Sehnsucht, dass es woanders immer besser sei als dort, wo man gerade ist. Mit dem Kopf ist dem nicht beizukommen, man muss Erfahrungen sammeln. Gut, wenn die Abenteuer heil überstanden werden, gut, wenn man wieder aufgenommen wird wie ‚der verlorene Sohn‘. 

Die schöne Geschichte, die auch vierjährige Kinder verstehen können, die auch den Blick schärft auf kleine Wesen unserer Umgebung, wird ungewöhnlich illustriert. Die Bilder fordern darüber hinaus genau das, nämlich scharfes Sehen – damit auch viele Kleinigkeiten entdeckt und gewürdigt werden.

 

 

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en