Alessandro Lecis & Linda Wolfsgruber:
Ich bin nicht Rotkäppchen

Deutsch von Linda Wolfsgruber

Hildesheim: Gerstenberg 2011

www.gerstenberg-verlag.de

ISBN 978-3-8369-5362-7
28 S * 12,95 € * ab 03 J

 

 

 

 

 

Keine Rotkäppchengeschichte, kein Märchen, sondern ein poetischer Traum, der von einem Mädchen mit rotem Schal handelt und von einem riesengroßen weißen Eisbären – und von einem leisen Schneefall. Schnee kann man nicht mitnehmen, auch nicht in einem Korb, er ist flüchtig, wie es ein Traum auch ist. Erstaunlich ist das Vertrauen des kleinen erzählenden Mädchen zu dem riesigen Bären, aber unsere (!) Angst ist unbegründet.

Ur-Vertrauen

Linda Wolfsgruber gestaltet ihre Bilder in einer interessanten Mischtechnik. Ihre vielen kahlen Bäume hat sie offensichtlich fein ausgeschnitten und aufgeklebt. Dabei verzichtet sie auf statische Einzelheiten ebenso wie auf perspektivische Genauigkeiten. Ihr ist offensichtlich die zu erzeugende Stimmung wichtiger.

Dem weißen Boden setzt sie zunächst mit scharfem Horizont ein zartes Blau des Himmels entgegen, das zur Nacht hin dunkler wird, bis der Mond es wieder fahl macht. Ein ganz merkwürdiges Trio sind diese Drei, der abnehmende Mond, das kleine Mädchen und der riesige Eisbär. Die eine sammelt Schnee in ihr Körbchen, der andere pflückt die Flocken vom Himmel und der dritte sorgt dafür, dass aus dem Himmel zarte Zweige mit weißen und mit geschwärzten Blättern ins Bild ragen.

Als sie zurückkommen, ist das Haus bereits erwacht, die Zimmer sind erleuchtet, der kleine Bär in der Fensterlaibung mit den weiß-rot-gepunkteten Gardinen liegt noch immer dort, wartet bestimmt darauf, dass das Mädchen wach wird, die, die sich gerade vor dem Haus vom großen Bären verabschiedet.

 

Die Geschichte wie die Bilder sprechen vom Vertrauen. Das Wort «Angst» scheint es nicht zu geben. Es gibt auch kaum eine andere Welt als die des Mädchens und die des Eisbären, erst auf dem letzten Bild sehen wir das erwachte, belebte Haus. Die Begegnung scheint einmalig zu sein, denn der Bär entfernt sich und antwortet nicht auf die Frage, wo er wohnt. Er ist nicht verfügbar, hat dem Mädchen nur gezeigt, dass man «im Schnee spielen und tanzen» kann, ihn aber nicht mitnehmen. Genieße die Sekunden, strecke deine Zunge heraus und mache dein Herz auf. Glück ist kurz – wahrscheinlich damit man merkt, wenn es da ist, da war.

 

 

 

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en