Roberto Innocenti & J. Patrick Lewis:
Ein Haus erzählt

Aus dem Englischen von Mirjam Pressler

Mannheim: Sauerländer 2011

www.sauerlaender.de

ISBN 978-3-7941-5248-3
64 S * 24,90 € * ab 08 J

 

 

 

 

Das Buch ist mit viel Liebe zum Detail produziert, und zwar beanspruchen sowohl der Text als auch die Bilder ihren Platz, wechseln sich jeweils ab. In einer Art Vorwort wird deutlich, dass hier ein Haus erzählt, deren Fenster gelernt haben zu sehen und dessen Dachrinnen lauschen können. Es ist eine lange Zeit von 1656 bis heute, und wir halten die Zeit 15 mal an, beginnen aber erst mit dem Jahr 1900. Geschichtsbildung einmal anders.

Wenn Mauern erzählen (könnten)

Die wunderschöne Schrift mit der großen Oberlänge beansprucht je eine eigene rechte Seite, die Großbuchstaben sind fast als Initial gestaltet, ein vierfacher Zeilenabstand zeigt die Bedeutung der einzelnen wenigen Wörter, der paarweise Reim fordert eine Sinn-entsprechende und hier sehr gelungene Übersetzung. Im Schriftteil ist die linke Seite einem blassen, dunklen Grün vorbehalten, allein um die Jahreszahl zusammen mit einem passenden relativ kleinen Bild zu transportieren.

Das Bild beansprucht dann aber die ganze Doppelseite des hochformatigen Buches und zeigt die ganze Ärmlichkeit der Menschen seit dem Jahr 1900. Gut, es ist ein Haus aus Steinen mit einem Dach aus Holzgebälk, aber es besteht aus gefundenen und nicht gebrannten Steinen, die mit Mörtel ausgefüllten Lücken beanspruchen fast ebenso viel Platz wie die Steine selbst.

Die Menschen sind für uns fremd gekleidet, denn erstens kommt der Zeitfaktor ins Spiel, aber auch der Ort der Handlung, irgendwo im nördlichen Italien. Wir erleben die glücklichen Zeiten, Neubezug mit Hochzeitsfest, wir erleben inmitten des ersten Weltkriegs den Tod des Hausbesitzers. Wir erfahren das Leben zu unterschiedlichen Jahreszeiten und das Leben unter den Vorstufen des (italienischen) Faschismus. Das Wort «Garbe» für das zusammengebundene und geerntete Getreide ist nicht mehr Allgemeingut, aber dafür sind ja Vorleser da.
Das Haus entwickelt sich, der Vorbau wird erweitert, aber auch ein neuer Krieg kündigt sich an, Hunger, Elend, Befreiung. Dann Vespa, Auto, Telefon, Tod, Verfall – und ganz neue Zukunft.

Innocenti gelingt es in seinen Bildern, jeweils einen Moment festzuhalten. Die Personen frieren ein in ihren Bewegungen und schaffen damit in unseren Köpfen das Gegenteil, nämlich eine Zeit vor und nach dem Bild. Das genau erwarten wir auch vom Anhalten, dass wir nämlich zurück und gleichzeitig nach vorn schauen. Wenn es dann auch wirklich noch viel zu schauen gibt – umso besser.

Wie in «Rosa Weiss» schaut Innocenti hinter die Kulissen und lässt uns, Stück um Stück teilhaben – aber nur, wenn wir seine Angebote annehmen (wollen). Die realistischen Bilder sind nicht der schlechteste Ausgangspunkt, die aufwendige Produktion hilft ganz sicher.

 

 

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en