Michael Roher:
Zu verschenken

Wien: Picus 2011

www.picus.at

ISBN 978-3-85452-159-4
28 S * 14,90 € * ab 04 J

 

 

 

 

Ein Mensch auf einem langen Fahrrad transportiert ein Haus und wirkt sehr klein auf dem hügeligen Weg. Sieht man Herrn Josef von Nahem und seine Familie, so ist nichts von Anstrengung zu sehen: Alle vier lächeln und blinzeln sich gegenseitig zu. Wir sehen ein glückliche Familie, die offensichtlich nicht reich ist. Was mag ihr Geheimnis sein?

Seliger als nehmen

Weggeworfenes ist nicht gleichbedeutend mit unnütz. Die Josefs «putzen und flicken und schrauben und reparieren», weil es immer jemanden gibt, der genau das gebrauchen kann. Und? Wird er diesem das gewünschte Stück teuer verkaufen? So, wie es uns die freie Marktwirtschaft lehrt? Mitnichten! «Alles gratis» steht auf dem Schild, sie wollen die Sachen verschenken! Völlig klar, dass die Bevölkerung skeptisch ist, misstrauisch gar. Handelt es sich etwa um Hehlerware? Aber auch die verschenkt man doch nicht! Sind das etwa Diebe? Aber warum wollen sie ihr Diebesgut nicht teuer verkaufen?

Ein kleines Mädchen löst den Knoten, indem sie ihren Kuschelknuffel anbietet. Sie braucht ihn nicht mehr, weil sie sich nicht mehr fürchtet. Und vielleicht braucht ihn jemand mehr als sie jetzt. Damit löst sie die Sperre. Jeder hat etwas zu verschenken, jeder macht jemanden glücklich damit. Und auf dem letzten Bild sehen wir wieder das erste. Die Josefs bringen das nächste Dorf in Unordnung, werden es erst misstrauisch und dann glücklich machen, weil geben viel mehr und nachhaltiger befriedigt als (nur) nehmen. Steht ja auch schon in der Bibel (Apostelgeschichte 20,35).

Die Bilder erschließen sich nicht sofort, sind sehr speziell. Die Personen tragen ihre Emotionen deutlich im Gesicht. Den übertriebenen Proportionen der Zeichnungen umrahmen isoliert eingefügte Häuser, verfremdete Fotos werden mit Zeichnungen fast zu Karikaturen. Es gibt keine Räume, keine Horizonte, es werden Flächen gefüllt.

Das widerspricht der emotionalen Botschaft, die darin gipfelt, dass die Kinder den Kuss zwischen Papa und Mama Josef mit der Sprechblase kommentieren: «Papa, du bist so kitschig!»

Warum auch nicht.

 

 

 

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en