Dirk Steinhöfel:
P. B. Shelleys Die Wolke

Aus dem Englischen von Andreas Steinhöfel

Hamburg: Oetinger 2011

www.oetinger.de

ISBN 978-3-7891-7147-5
128 S * 19,9 € * ab 06 J

 

 

 

 

Schwere Kost: Ein aus dem Englischen übersetztes Gedicht der Romantik mit ungewöhnlichem Reimschema und einem ebensolchen Thema wird mit stark verfremdeten Fotos interpretiert und als Bilderbuch verlegt. Das ist nicht nur mutig, das ist sogar hervorragend gelungen! Man muss sich allerdings darauf einlassen und seinen Assoziationen auch verschlungene Wege gestatten.

Fresh showers for the thirsting flowers

Percy Bysshe Shelley war Ehemann von Mary Shelley («Frankenstein»). Er berichtet fast aus der Sicht einer Wolke, die den dürstenden Blumen frisches Wasser bringt und Schatten für uns, Schnee für die Berge und friedlichen Sonnenunter- wie Sonnenaufgang.
Die Reime kommen wie zufällig, erst zwei in den ungeraden Versen, die geraden bilden je einen eigenen Reim. Im Internet sind sowohl das Originalgedicht wie auch eine Übersetzung (von Rudolf Borchardt) zu finden, eine gekürzte Hörfassung findet man bei YouTube unter http://www.youtube.com/watch?v=IMP0H5DQJX4 im Internet.
Diese Leichtigkeit kann der Text nicht liefern, denn entweder bemüht er sich um wortgetreue Übersetzung oder er nimmt die Stimmung auf oder er folgt dem Reimschema. Beide bekannte Übersetzungen versuchen, alle drei Bedingungen zu verknüpfen, was leider ein wenig auf Kosten der Verständlichkeit geht – zumindest für Kinderohren.

Die Interpretation des Gedichts beginnt völlig anders. Im Wesentlichen folgen wir den Fotos eines Jungen, die im Stil der 1950/60er Jahre (weißer gezackelter Rand) abgedruckt sind, allerdings einige Farben mitnehmen. Die Fotos überlagern sich zum Teil und werden mit geheimnisvollen Accessoires überdeckt oder begleitet: Regentropfen, farbiges Laub, ein Windrad, Einweckgläser, Schmetterling, getrocknete Gräser, Wurzeln, Federn usw.
Der Junge schaut zumeist nach oben in den Himmel, selten nach unten, wo er nachdenklich etwas zu suchen scheint, nie geradeaus. Er versucht sie zu verstehen, die Wolke, und die vier alten Elemente (Erde, Wasser, Feuer, Luft) scheinen ihm die Kraft für die Suche zu geben.

Ach, wer hat sie noch nie beobachtet, die Wolke, Bilder hinein interpretiert, Schafe gesehen oder Hasen, Monster oder drohendes Gewitter. Ein flüchtiges Geschäft, denn schon sieht sie wieder anders aus, die Wolke. Diese Flüchtigkeit einzufangen, für einen Moment, versuchen Text und Bild, dieses Buch. Das gelingt natürlich nicht, aber die Faszination erhöht es schon.

Ganz ehrlich: Ein Buch für Erwachsene, die bereit sind, sich auf das Gedicht, die Übersetzung und die Interpretation einzulassen. Dann allerdings werden beide Daumen nach oben gestreckt gezeigt.

 

 

 

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en