Heinrich von Kleist, Barbara Kindermann
 & Willi Glasauer:
Der zerbrochene Krug

Berlin: Kindermann 2011

www.kindermannverlag.de

ISBN 978-3-934029-46-0
36 S * 15,90 € * ab 05 J

 

 

 

 

Kleists einziges Lustspiel fiel bei der Premiere durch – nicht zuletzt, weil der Einakter künstlich auf drei Akte gestreckt wurde, entwickelte sich dann aber bis heute zum Dauerbrenner auf Deutschlands Bühnen. Hier haben wir eine Nacherzählung und Verkürzung, die mit einige Zitaten den «Geruch» der Originalsprache mitbringt. Es ist die Geschichte des Richters, der sein eigenes Fehlverhalten zu be- und verurteilen soll. Erschwerend für ihn ist, dass der Gerichtsrat bei seiner Besichtigungstour anwesend ist.

Der Richter als Täter

Willi Glasauer strichelt seine kolorierten Figuren und gibt ihnen durch Haltung und Gesichtstruktur Charakter. Richter Adam hat zwei riesige, blutunterlaufene Beulen auf seinem unbehaarten Kopf, der Schreiber trägt Bundhose und weiße Kniestrümpfe und steht sehr gerade hinter seinem Stehpult, die Frauen tragen weiße Schürzen über ihren langen Röcken und oft eine Hinterkopfhaube – wir befinden uns in der Jahrhundertwende ins 19. Jahrhundert. In dieser Zeit wurde Lehrer, wer die Bibel lesen und etwas schreiben konnte sowie im Zahlraum von Eins bis 100 einigermaßen sicher war. Bei Richtern mag der Anspruch ähnlich gewesen zu sein, wenn denn auch der Schreiber bei Abwesenheit oder Krankheit des Richters das Gerichtsverfahren leiten konnte. Selten kam einmal eine Aufsicht vorbei, dann allerdings unangekündigt.

 

Im Mittelpunkt der Geschichte ist Eve, die Verlobte von Ruprecht, und die Ereignisse der letzten Nacht in ihrem Zimmer mit dem Ergebnis eines zerbrochenen Krugs, einem Lieblingsstück ihrer Mutter. Wie kam es zu diesem Bruch und wer ist dafür verantwortlich? Und: Gilt die Verlobung der beiden noch?

Ein Theaterstück muss dick auftragen, und so wissen wir – auch wenn wir das Stück bisher nicht kannten – dass der Richter der Täter ist, aber wir kennen (dann) nicht die genauen Hintergründe, warum nämlich die brave und tugendhafte junge Frau den Richter wohl in ihr Zimmer ließ.

 

Wie bei allen Büchern dieser Reihe mag man fragen, ob Kinder in den Inhalt von Literatur schauen sollte. Die Meinungen gehen durchaus auseinander. Man mag glauben, dass sich älter gewordenen Kinder damit zufrieden geben, man mag meinen, sie werden neugierig auf die Originalsprache und müssen sich nicht mehr auf die äußere Handlung konzentrieren, sondern mehr auf die kleinen Finessen.

Der Erfolg der Reihe spricht eher für die zweite Meinung.

 

 

 

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en