Poly Bernatene:
Der Tag, an dem die Nacht nicht kam

Münster: Coppenrath 2011

www.coppenrath.de

ISBN 978-3-649-60329-0
28 S * 11,95 € * ab 03 J

 

 

 

 

 

Der rote Vorhang geht auf: In der Luft bewegen sich Zeppeline in Fischform. Aus ihrem Rücken ragen Periskope wie aus einem U-Boot. Wir befinden uns auf einem Balkon, unter uns liegt die Stadt im hellen Sonnenlicht – und dennoch macht uns der Vorhang deutlich, dass wir auf eine Bühne schauen. Das Spiel des Tages kann beginnen.
Doch statt der Ablösung des Tages durch die Nacht landet ein merkwürdiges großes rundes Ding. Die Nacht will nicht kommen. Die Nacht  k a n n  nicht kommen.

ewiger Tag

Der Mann mit dem Faltenkragen und der Jacke eines Zirkusdirektors wird gezeichnet, als wäre er eine Puppe. Er ist ein Herr der Zeit. Seine Taschenuhr zeigt deutlich, dass der Wechsel stattfinden muss, doch die Nacht kommt nicht. Er wirft einen Blick auf seine Karte mit den Berechnungen, auf der er Schreckliches findet: Die Sterne sind gepflückt und eingesperrt worden in eine riesige Kugel, in der der Sichelmond bereits gefangen gehalten wird. Und diese riesige Kugel ist soeben gelandet. In dieser Stadt.
Der Herr der Zeit hetzt die Außentreppe hinauf, durch die geöffnet Tür und erstarrt: Das darf doch wohl nicht wahr sein! Was machen die Kinder hier? Was ist das für ein Spiel, das hier getrieben wird? Gibt es niemanden, der Verantwortung zeigt? Da muss ihnen wohl jemand «den Kopf waschen».

 

Das alles wird uns klar, ohne dass auch nur ein einziges Wort die Bilder ergänzt. Wir müssen uns die Geschichte mehr oder weniger selbst erzählen, in der Puppen die Rolle von Menschen haben (damit auch klar wird, dass diese Geschichte nur Fiktion ist). Für die Kinder ist es eine Chance, nicht ins Bett gehen zu müssen, denn es gibt keinen Grund dafür, wo die Nacht doch nicht kommt. Am Ende aber arbeiten sie alle noch fleißig, um alles wieder ins Lot zu bringen, bevor ihnen die Augen vor Müdigkeit zufallen. Auf dem Weg nach Hause werden die vier Kinder getragen, denn ihnen fallen schon die Augen zu. Dem ersten Herrn der Zeit übrigens auch, gut, dass ihn sein Kollege jetzt ablöst und sich der blaue Vorhang zum Blick in die Welt des Tages hebt.

 

Da hat einer nicht nur eine schöne Geschichte zu «erzählen», er macht es auch auf eine ungewöhnliche und sehr schöne Art. Die Wahl, eine zwar menschliche (mittelalterliche) Stadt darzustellen, ansonsten aber Puppen und Fantasiefiguren agieren zu lassen, in der sich die Herren des Tags und der Nacht in ihren Aufgaben abwechseln, gleichzeitig aber eine Bühne darzustellen, auf der das Ganze geschieht, betrachtet von eben diesen beiden (und uns im Hintergrund) – das ist Spielen mit der Wirklichkeit und der Fantasie, Vermischung von beiden. Und wir haben viel zu erzählen, zu schauen und zu freuen.

 

 

 

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en