Sybil Gräfin Schönfeldt (Nacherzählerin) & Gennadij Spirin:
Die schönsten Märchen aus Russland

Esslingen: Esslinger 2011

www.esslinger-verlag.de

ISBN 978-3-480-22877-5
136 S * 19,90 € * ab 08 J

 

 

 

 

Fünf alte russische Märchen aus der Literatur und rund 60 ganzseitige Bilder feinster Art – eins wie das andere gehören gerahmt und ausgestellt – dazu noch viele Illustrationen des Textes sowie Gestaltung von Rahmen: Dieses wunderbare Buch ist in mehr als nur einer Hinsicht sehr bemerkenswert, denn auch die Texte sprengen den Rahmen, den wir mit «Märchen» assoziieren.

Eine Nase als Offizier

Tollkühn gestaltete Charaktergesichter zeichnet Spirin von den «lieblichen» jungen Frauen, von dem jungen Zarewitsch, den Bauern, einem Tischler, den Zuschauern, den Soldaten, dem Barbier und dem ganzen Volk. Dabei sind die Bilder fast realistisch gezeichnet, man erkennt keinen Duktus, dafür sind viele Feinheiten zu erkennen, Licht-Schatten-Gestaltung wie bei den alten holländischen Meistern, geöffnete Räume, aber auch gar nicht gestaltete Flächen. Die Hauptbilder sind entweder einseitig rechteckig mit weißem Rahmen gedruckt oder als ganz ausgestaltete Doppelseite. Der (Teil-) Rahmen von Seiten ist ein weiteres Gestaltungsmerkmal, weitere kleine Bilder, einige fast als Vignette gezeichnet, begleiten den Text. Dabei gibt es deutliche Unterschiede / Gemeinsamkeiten – je nachdem in welcher der fünf Geschichten wir uns befinden.

Die ungewöhnlichste ist sicherlich die letzte, im Original von Nikolaj Gogol erzählt. Er spinnt eine damals wohl alltägliche Situation fort, der Barbier nämlich fast die Nase des Kunden und zieht sie nach oben, während er den möglichen Oberlippenbart mit der scharfen Klinge entfernt. Was also, mag sich Gogol gefragt haben, passiert, wenn der Barbier einmal zu kräftig zieht? Da mag es wohl zu einigen Verwirrungen kommen. Kommt es auch, in seiner Geschichte, seinem «Märchen».

Der Begriff «Märchen» ist insgesamt dennoch in Ordnung, denn es handelt sich um Prinzen, schnelle Hochzeiten, aber auch um Bauernschläue, Eifersucht, Ängste vor dem Unerklärlichen, um Verwandlungen. So verwandelt sich der Minister der Zwerge nicht nur in eine Henne, diese kann sich derart vergrößern, dass die «Tür aus Kupfer» nach der Flucht der «Ritter in Rüstungen aus Silber» leicht aufschwingen kann.

 

Jede Geschichte ist schnell vorgelesen, das orangefarbene Lesebändchen markiert die Stelle zum Weiterlesen. Der vorgelesene Text reicht aus, um den zugleich schauenden Augen genug Zeit zu geben, um wenigstens die groben Teile der Bilder aufzunehmen. Das Buch selbst sollte nicht Dreijährigen in die Hand gegeben werden, es sei, dass sie die notwendige Sorgfalt und Vorsicht beim Umblättern bereits verstehen.

 

Ein Kleinod unter den Bilderbüchern wie unter den Märchenbüchern durften wir hier besprechen.

 

 

 

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en